Der Einfluss der Börse auf eine gute Aktienkultur

Es ist gerade erst einmal 18 Jahre her, da hatten viele mittelständische Unternehmer nur ein Ziel: Den Gang Ihres Unternehmens an die Börse. Das war schick. Zwar ist es längst kein Geheimnis mehr, dass viele Unternehmer mit dieser Maßnahme die Ziellinie, nämlich den Börsengang mit der Startlinie verwechselten. Aber die Erfahrung der unzähligen Analystengespräche, der endlosen Jagd nach neuen Geschichten und Strategien die diese erzählen mussten, zeigt Ihnen sehr schnell, dass der Börsengang wirklich nur die Startlinie war und gelistet zu sein, keine Nebenbeschäftigung ist.

Heute ist die Börsennotierung für Mittelstandsunternehmer kein öffentlich anerkannter Imagefaktor mehr, die Zeiten haben sich geändert. Denn wenn der harte Listing-Anforderungsalltag im Mittelpunkt des Handelns und der täglichen Arbeit steht, dann kann die operative Unternehmensführung schon einmal in den Hintergrund treten. Das mit einer Notierung viel zusätzliche Arbeit und auch Kosten verbunden sind, führt wohl auch bei den derzeitig attraktiven Finanzierungsmöglichkeiten außerhalb des Börsenparketts dazu, dass für einige Unternehmen der Wunsch an die Börse zu gehen begrenzt ist. Vielleicht auch, weil viele potentielle Kandidaten kein neues Geld benötigen, weil sie gut verdienen und ihre Gewinne reinvestieren? Die aktuell geringe Anzahl an Börsengängen scheint wohl die Antwort auf diese Vermutung zu sein.

Liste der Delisting Unternehmen, Stand: Dezember 2014 – Quelle: boersengefluester.de

Aber einige Unternehmen, die an der Börse gelistet sind machen sich sogar über ein „Delisting“ Gedanken. O.K., wenn man als Kapitalmarktplattform Börsengänge fördert muss man auch akzeptieren und einkalkulieren, dass es immer wieder Börsenabgänge gibt. Schließlich gehört ja auch nicht jedes Unternehmen an die Börse. Dennoch stellt sich aktuell die entscheidende Frage: „Woran liegt es, dass im vergangenen Jahr fast 40 Unternehmen die Börse verlassen haben, viermal mehr, als an die Börse gegangen sind?

Der Grund liegt anscheinend am aktuell rechtlich zulässigen Delisting-Verfahren, dass für Unternehmer börsennotierter Gesellschaften doch recht attraktiv ist, für Anleger leider nicht: Denn beantragt heute eine Gesellschaft das Delisting, dann fällt sein Aktienkurs wie ein schwerer Felsbrocken. Anleger haben dann zurecht die Furcht, dass sie nach dem Delisting ihre Aktien nur noch gegen ein schwaches Entgelt verkaufen können, was sich noch vor dem Urteil des Bundesgerichtshofs im Oktober 2013 anders darstellte. Bis zu diesem Zeitpunkt erhielten Aktionäre beim Delisting eine Entschädigung (Abfindungsangebot) und es bedurfte eines Beschlusses der Hauptversammlung.

Doch jetzt gestaltet sich das Delisting insbesondere für Unternehmer attraktiv, da sie aufgrund des Kursverfalls nach Delisting-Ankündigung teilweise sehr sehr günstig die Aktien ihrer eigenen Gesellschaft zurückkaufen können. Für sie ist es zwar kein schlechtes Geschäft, aber es vermindert das Vertrauen in Aktien. Oder wie handeln Sie jetzt bei einem geplanten Kauf von Aktien (insbesondere kleiner Gesellschaften) immer mit den Gedanken im Hinterkopf, „hoffentlich führt das Unternehmen meiner Wahl kein Delisting durch“.

An dieser Stelle ist zum Vertrauensschutz der Aktionäre dringend ein schneller Handlungsbedarf seitens des Gesetzgebers gefragt! Die Börse kann zur Vertrauensbildung nur gegen den jetzigen Zustand intervenieren.

Aber die Börse arbeitet schon insgesamt am Vertrauensthema. Sie versucht auch durch das Nichtzulassen der von der Politik gewünschten neuen Segmente für eine unverändert hohe Attraktivität der Börse und auch Aktienkultur zu sorgen. Das muss man ihr zu Gute halten. Aus den Fehlern des „Neuen Marktes“ hat man wohl gelernt und lässt sich nicht dazu hinreißen, einen Fehler zu wiederholen. Denn es wurde immer wieder der Wunsch geäußert , ein neues Marktsegment für junge Gründungsunternehmen zu etablieren, damit die Gründungs-Unterstützung innovativer Unternehmen besser funktioniert. Die ist wichtig, damit sogenannte „Venture Capital Gesellschaften“, die solche „Start-Up“-Finanzierungen unterstützen, für ihre Investments einen „Exit-Kanal“ haben, bzw. diese ihre Anteile an jungen Unternehmen im Rahmen eines Börsengangs veräußern können.

Und dann? Soll Oma Müller die Aktie kaufen, in der Hoffnung, dass der Aktienkurs dieses Papiers „durch die Decke geht“ oder gar eine Dividenden ausschüttet? Das würde doch wieder vollkommen falsche Hoffnungen wecken und wiederholt von Teilnehmern promotet, die selbst immer nur am und nicht mit dem Produkt ihr Geld verdienen. Nicht nur der neue Markt sondern auch der Markt für Mittelstandsanleihen hat das gezeigt. Insoweit finde ich es sehr gut, dass die Börse dem Wunsch nicht nachgekommen ist. Der Gewinner ist ganz klar die Aktienkultur!

 

Quellen und weitere Informationen:

Wirtschaftswoche: http://www.wiwo.de/finanzen/boerse/delistings-diese-unternehmen-verabschiedeten-sich-von-der-boerse/11144194.html

Börsengeflüster: http://boersengefluester.de/delistings-bei-diesen-aktien-sollten-sie-aufpassen/

 

Ein Gedanke zu „Der Einfluss der Börse auf eine gute Aktienkultur

  1. Die gesetzliche Regelung hat sicher einen Beitrag zu dem Faktor 4.

    Bei vielen gelisteten, eher „normalen“ Unternehmen steigt grundsätzlich, vielleicht unterschwellig oder auch bewusst nach einigen Jahren der quartalsgetriebenen Erfahrung auf dem Parkett der Wunsch, sich wieder unkommentiert im ruhigeren Fahrwasser der eigenen Unternehmensführung zu widmen.

    Dann ist es möglich mit normalen, für den Kapitalmarkt zu langweiligen, Steigerungsraten ein plain vanilla Business zu führen und den eigenen Controller nicht mit hohen Kapitalmarkt-Pflegekosten zu irritieren.

    Wachstumsstarke, sehr innovative Mittelstands-Unternehmen mit hohem Investitionsbedarf werden auch weiter den Kapitalmarktschub brauchen und Deutschland braucht mehr davon.

Kommentare sind geschlossen.