Die positiven Effekte der Savanne Afrikas auf nicht börsennotierte Beteiligungsgesellschaften

Alle haben darauf gewartet, nun ist es seit kurzer Zeit deutlich sichtbar: Die Aktienkurse kennen nicht länger nur eine Richtung, sondern sind volatiler geworden. Vielleicht wegen der sich zeitlich nähernden Erwartung steigender Zinsen? Eigentlich hätte ich in den Titel dieses Blogs noch das Wort „künstliche Intelligenz“ einfügen müssen, aber das erschien mir dann doch zu viel. Künstliche Intelligenz in diesem Zusammenhang vielleicht, weil angeblich auch Computersysteme dafür sorgten, dass sich zuletzt Aktienkurse und Indices initial ohne Vorwarnung veränderten. Das ist im Kern nicht wirklich verwunderlich, wenn man einmal betrachtet, dass viele Kapitalanlageprogramme automatisiert verwaltet werden und auf Basis vergleichbarer Algorithmen sehr ähnlich ihre Mittel anlegen. Ich habe den Eindruck, dass selbst die Börsen trotz intensiver Ursachenforschung nicht immer genau feststellen können, was die Auslöser solcher Kursabstürze sind.

In solchen Situationen kommt ja dann noch das psychologische Element dazu, dass neben automatischen Verkaufsprogrammen auch vermehrt einzelne Marktteilnehmer bei fallenden Kursen ihre Aktien verkaufen. Ich persönlich freue mich, dass dieses Phänomen nun auch endlich in der Finanzierungstheorie Fuß gefasst hat (z.B. Andrew W. Lo, Adaptive Markets, Financial Evolution at the Speed of Thought, Princeton 2017). Aus diesem Verständnis heraus gibt es an der Börse dann auch die gleichen Prinzipien wie zum Beispiel für eine Herde von Antilopen in der Savanne, wie Lo es in seinem aktuellen Buch beschreibt: Alle Marktteilnehmer schauen, was die anderen machen und versuchen Erkenntnisse für eine eigene Strategie des Überlebens – vergleichbar mit den Tierherden in der Savanne Afrikas – aufzustellen. Im Zweifelsfall führt genau das an Kapitalmärkten – wie in der Vergangenheit schon öfters geschehen – zu einer Verkaufshysterie und zu niedrigen Aktienkursen, die mit dem eigentlichen Wert der gelisteten Gesellschaften herzlich wenig zu tun haben. In solchen Situationen muss man über die klassische Aussage „der Markt hat immer Recht“ doch noch einmal intensiver nachdenken.

Nachhaltige Unternehmens-Beteiligungen an mittelständischen Unternehmen

Zum Glück gibt es ja die Möglichkeit, sich spätestens in diesen zunehmend „unruhigen Kapitalmarktzeiten“ über nicht börsennotierte Beteiligungsgesellschaften an mittelständischen Unternehmen zu beteiligen. Hier kann die Gefahr der Wertveränderung einer Beteiligung auf Basis massenpsychologischer Effekte ausgeblendet werden kann. Die Grundlage für die vierteljährlich oder halbjährlich stattfindende Bewertung der Beteiligungsunternehmen basiert hierbei auf der auch nur in dieser Frequenz veröffentlichten Kaufpreismultiples aktuell umgesetzter Unternehmenstransaktionen (vergleichbarer Größe und Branche). Diese in privaten Märkten nicht sinnvolle tägliche Wertfeststellung entfällt und sorgt für eine größere Nachhaltigkeit und eine geringere Volatilität der Bewertung.

Über die weiteren Vorteile, sich abseits von Börsen, Insider-Wissen und dem Wertpapierhandelsgesetz zu bewegen, wird bei der Erklärung „privater Märkte“ ja auch nicht umsonst immer positiv hervorgehoben. Denn gerade das Insider-Wissen kann den entscheidenden Vorsprung und Vorteil für die Manager solcher Beteiligungsfonds und damit auch für den Anleger in solche Produkte bedeuten. Über die Vorzüge, die, wie sollte es auch anders sein, sich aus meiner Sicht insbesondere bei Beteiligungsvehikeln ergeben, die in umsatzkleinere Gesellschaften (in der Größenordnung 5 Mio. € bis ca. 25 Mio. €) unter anderem im Rahmen von Nachfolgeregelungen investieren, habe ich bereits in meinem letzten Blogartikel Wo scheint die Sonne im Beteiligungsmarkt gesprochen.

Als Grund sei nochmals der geringere Wettbewerb um erwerbbare mittelständische Unternehmen, damit verbundene attraktivere Kaufpreise (im Vergleich zu größeren und großen Transaktionen) und einem entsprechend großen Basispotential (es gibt einfach eine größere Anzahl an kleineren als an größeren und großen Gesellschaften) im kleinen Unternehmenssegment im deutschsprachigen Raum erwähnt. Auch das Argument, es gäbe zu viel Kapital bzw. „trockenes Pulver“, auf dem die Beteiligungsgesellschaften derzeit sitzen, hatte ich bereits aufgrund der originären Struktur von Fonds besprochen. Denn es ist typisch, erst einmal Kapital bzw. Zahlungsversprechen für den Fonds einzusammeln, bevor es dann anschließend sukzessive investiert wird. Das „trockene Pulver“ ist somit ein immerwährender uralter Fonds-systemimmanenter Aspekt.

Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht können Beteiligungsgesellschaften bei der Auswahl Ihrer Beteiligungen aber eine gewisse Unternehmensgröße nicht unterschreiten, weil sie sonst z.B. selbst zu aktiv in den Gesellschaften arbeiten müssten. Zudem lässt sich eine Vielzahl von beispielsweise 30 oder mehr Investments in einem Vehikel auch gar nicht managen. Das gilt auch für staatlich antretende Beteiligungsgesellschaften mit Förderauftrag. Wie will man denn – auch aus deren Sicht – einen acht Personen Handwerksbetrieb aktiv steuern? Hier sind Grenzen bei der Unterstützung der Nachfolgeregelung durch Beteiligungsgesellschaften klar gegeben. Aber ist das nicht gefährlich, wenn man sich einmal aktuelle Daten des DIHK und der KfW zur Nachfolgereglung ansieht?

Im Mittelstand fehlen Unternehmensnachfolger

Laut KfW benötigen allein in Deutschland knapp 180.000 kleinere und mittlere Unternehmen (das sind immerhin 17% aller deutschen Mittelständler) in den kommenden drei Jahren einen Nachfolger. Weitere Informationen siehe KfW Research, Fokus Volkswirtschaft, Nr. 197, 23.01.2018: Generationenwechsel im Mittelstand: Bis 2019 werden 240.000 Nachfolger gesucht.

In den nächsten fünf Jahren bis 2022 werden 511.000 Nachfolger gesucht, das sind 13,7 % aller Mittelständer (Grafik: KfW Research, Fokus Volkswirtschaft, Nr. 197, 23.01.2018)

Abbildung: In den nächsten fünf Jahren bis 2022 werden 511.000 Nachfolger gesucht, das sind 13,7 % aller Mittelständer (Grafik: KfW Research, Fokus Volkswirtschaft, Nr. 197, 23.01.2018)

Demzufolge stehen neben vielen mittelständischen Unternehmen auch kleinere, insbesondere Handwerksbetriebe vor einem großen Nachfolgeproblem. Natürlich liegt es auch am Unternehmer selbst, sich frühzeitig um einen Nachfolger zu bemühen, aber auch das Image des Unternehmers als solches gilt es zu verbessern. Aus einer schwarz-weiß-Sicht heraus würde ich sagen, dass sich viele Berufstätige eher für klare Aufstiegsmöglichkeiten in größeren Firmen entscheiden, als einen Handwerksbetrieb zu übernehmen, in dem man viel Arbeitszeit und Verantwortung dafür aber wenig Freizeit hat.

Die Imageverbesserung des Handwerker-Unternehmers, unterstützt durch eine fundierte Berufsberatung in allen Schulformen, drängt sich dabei ebenso als Forderung auf, wie eine bessere finanzielle staatliche Unterstützung solcher Übergänge. Insbesondere dann, wenn man sich einmal die Struktur und das Potential der Übernahmefähigen anschaut. Zwar ist das Thema der aufkommenden Nachfolgewelle auch schon eine alte Mär, die eben nicht in Wellen, sondern seit 30 Jahren schlicht schleichend kommt. Aber die relevante Altersgruppe der 25- bis 45-jährigen als potentielle Erwerber sinkt aufgrund der demografischen Entwicklung immer stärker. Das sieht man schon von der Basis her, wenn man einmal berücksichtigt, dass auch die Zahl der Auszubildenden-Bewerber seit Jahren abnimmt.

In diesem Kontext wundert es mich nicht, wenn man in der aktuellen Presseerklärung von Villeroy & Boch vom Februar 2018 liest, dass der Absatz im abgelaufenen Geschäftsjahr 2017 hätte größer sein können, es aber nicht an Nachfrage, sondern an Installateuren mangelte, die neue Badausstattungen bei den Kunden hätten montieren können.

Unternehmensnachfolge im Mittelstand hat zu wenig Aufmerksamkeit

Aus meiner Sicht wird in diesem Kontext dem Startup-Thema im deutschsprachigen Raum nicht zu viel Aufmerksamkeit geschenkt, sondern dem Thema der Nachfolge insbesondere in Handwerksberufen zu wenig. Das zeigt sich auch, wenn man sich einmal die Gründungen anschaut, wie es die KfW auch zu diesem Thema gemacht hat: 75% aller Gründungen lagen im Bereich der Neugründungen und nicht im Bereich der Übernahmegründungen zum Erwerb eines bestehenden Unternehmens.
Die Ergebnisse der KfW zeigen aber auch noch ein anderes Bild, was man bei einer Gesamtwürdigung dieses Themas nicht außer Acht lassen darf: rund 30% der Unternehmer, die in den nächsten drei Jahren ihr Unternehmen verkaufen/übergeben wollen, haben sich über das Thema lediglich informiert oder sich bislang noch gar nicht damit beschäftigt. Und dass, obwohl es ca. dreimal so viele übergabebereite Mittelständler wie interessierte Übernehmer gibt.

Wie wollen wir uns im ganz normalen Leben zukünftig helfen, wenn es an traditionellen Berufsvertretern, wie zum Beispiel Handwerkern, bald einfach mangelt? Bedeutet es, dass wir alle zukünftig in unserer Freizeit zu Handwerkerschulungen gehen müssen, da wir auf uns selbst gestellt sein werden? Und was machen wir mit dem Teilen der Bevölkerung, der eine solche Schulung aus Gründen des Alters oder der Gesundheit nicht mehr besuchen oder das Gelernte anschließend nicht mehr umsetzen kann?

3 Gedanken zu „Die positiven Effekte der Savanne Afrikas auf nicht börsennotierte Beteiligungsgesellschaften

  1. Lieber Dirk,

    ein sehr, sehr guter Artikel zu einem
    Thema – und einer ungesunden Entwicklung, was gerade in den volatilen Aktienmärkten zum Nachdenken anregt. Auch aus meinen Erfahrungen, Beobachtungen und Gesprächen kann ich den Inhalt Deines Artikels nur unterstreichen.

    Herzliche Grüße und einen guten Start in die neue Woche!

    Uli

  2. Sehr geehrter Herr Dr Neukirchen,
    ich habe wieder mit großem Interesse ihre Zeilen gelesen. Es ist ja schon seit längerer Zeit bekannt das das Handwerk „goldenen“ Boden hat aber ein Nachwuchsproblem. Die neue Generation „Z“ möchte mehr Freizeit, mehr Individualität im Berufsleben usw aber wer kümmert sich dann um die Termingeschäfte im Handwerk? Die Börsennotierten Unternehmen versprechen bei positiver Entwicklung starke Rendite – sind aber aus diesem Grund auch ggf sehr anfällig für Kurs stürze oder „manipulationen“. Eine neue Gesetzesnovelle der EU zielt darauf ab kleinst/kleine und mittelständige Unternehmen bis 50 Mitarbeiter als Hersteller in der Medizintechnik gewollt zur Geschäftsaufgabe/ anders zu orientieren ergo ggf vom Markt verschwinden zu lassen. Was für ein Vorhaben ist das? Nutzt es und wenn ja wem? Ich denke Innovationen kommen genau aus diesen Betrieben und wir laufen in die Gefahr egal im Handwerk oder in der Medizintechnik unsere Innovationskraft zu verlieren!
    Wer von uns ist denn in der Lage alles im/ am Haus selber zu machen? Werden diejenigen nicht entmutigt einen Bertieb zu übernehmen weil es zuviele „Hürden“ gibt oder kommende Auflagen es wirtschaftliches Überleben fast unmöglich machen!?
    LG aus dem hohen Norden

  3. Lieber Herr Neukirchen,
    vielen Dank für die Zusendung des links zu Ihrem Blog. Sie scheinen ja – wie ich Ihrem Blog entnehme – ein Faible für Analogien oder Beispiele aus der Biologie zu haben. Die Antilopen haben den Herdentrieb evolutiv als Überlebensstrategie entwickelt und die kranken oder langsamen Tiere, die der Herde nicht folgen können, werden Opfer ihrer Jäger. Sehr sinniger Mechanismus, daher ist ja „stop-loss“ an der Börse ein alter und nicht unbedingt falscher „evolutiver“ Mechanismus. Obwohl John M Keynes an der Börse reich geworden ist, hielt er sie für ein Casino, d.h. nur Gesetze der Statistik können als geltend akzeptiert. Vielleicht denken moderne Finanztheoretiker ja anders darüber, wie Sie schreiben. Es versagen aber komplexe mathematische Verfahren wie etwa die Analyse nichtlinearer dynamischer Systeme, da diese nur beschreiben, aber nicht vorhersagen. Beim Mittelstand mag man zahlreiche „Elephanten“ finden, aber auch deren Umfeldbedingungen sind überlebensrelevant. Daher ist es sehr sinnvoll, den Innovationsdruck im jeweiligen Marktsegment genau zu verstehen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Bruno Rosen

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