Emotionen in der Kapitalanlage. Was hat sich in den letzten Jahren geändert?

Kennen Sie das noch „aus alten Zeiten“? Es wurde die Börsenemission eines neuen Unternehmens bekanntgegeben und man „bewarb“ sich bei seiner Hausbank darum, neue Aktien dieses dann zur Notierung anstehenden Unternehmens zu erwerben? Schließlich war es klar, dass man damit nur Geld gewinnen konnte, bestand doch ein logischer Automatismus darin, dass der Kurs kurze Zeit nach Börsengang schon deutlich über dem Emissionskurs lag. Der Kursgewinn war vorhersehbar. An welcher Emission man sich beteiligte und was das Unternehmen von seinem Geschäft her macht, war eigentlich unwichtig. Es zählte der schnelle Gewinn, den man dadurch zu optimieren versuchte, in dem man über möglichst viele Bankverbindungen versuchte, neue Aktien dieser Emission zu zeichnen.

Seit dieser Zeit haben sich die Märkte deutlich verändert, insbesondere die Zinslandschaft heute ist mit der Ende der 90er Jahre nicht mehr vergleichbar. Aber es gab schon immer Anlageformen, die dem Anleger eine gewisse persönliche Identität verschaffte. War es auch früher nicht schon das Gold, das nicht nur schön glänzte und auch gut im Garten unter Ausschluss der Blicke neugieriger Nachbarn vergraben wurde? Diese Anlageform ist einfach zu erklären, weil sie nicht kompliziert ist und sie jeder bislang versteht: Es ist (im Volksmund) „die Währung für den Notfall“, das hat die Vergangenheit gezeigt. Auch Immobilien zählten aus meiner Sicht schon immer zu den Anlagen, die zwar nicht immer unbedingt Emotionen hervorriefen, aber die leicht verständlich waren. Und zwar für Jeden. Insoweit waren gerade diese beiden Anlageformen aufgrund ihres leichten Verständnisses schon immer attraktiv. Vielleicht lösten sie auch, wenn man vor dem Gold oder gekauften Immobilie stand teilweise sogar Emotionen aus. Vielleicht.

Schon immer erstaunlich fand ich die Tatsache, dass Vermögens- oder Geldanlagen grundsätzlich so unemotional behandelt werden, wenn man sich einmal das häufig beobachtete Phänomen vergegenwärtigt, dass die überwiegende Zahl der Anleger unverändert mehr Zeit mit der Konfiguration ihres neuen zu bestellenden Autos verbringen, als mit der Anlage ihres schwer verdienten Geldes. Natürlich kann man anführen, dass sie bis zur letzten Finanzkrise die Produkte im komplizierter wurden und oftmals auch die Spezialisten den Inhalt nicht richtig erklären konnten. Ich denke, dass die „Verpackungskunst“ der Produkte bis 2008 die Menschen anschließend hat noch skeptischer werden lassen.

Vielfach wird dieses Kapital-Anlageverhalten auf das Finanzwissen bzw. das Niveau der Finanzbildung der Bevölkerung zurückgeführt, das angeblich auch im deutschsprachigen Raum Europas sehr schlecht sein soll. Studien zufolge wie z.B. die des Handelsblatt Research Institutes, welche sich im Auftrag von Union Investment in 2014 dieser Frage gestellt hat zeigt, dass das soziale Umfeld eines Menschen maßgeblich seine Einstellung zu Finanzfragen beeinflusst. Eine weitere Studie der Rating Agentur Standard & Poors und der George Washington University kommt sogar zum Ergebnis, dass zum Beispiel in Deutschland ca. zwei Drittel der Bevölkerung als „finanziell gebildet“ eingestuft werden kann, wodurch man im weltweiten Vergleich auf den 8. Platz liegt, vor Ländern wie den USA (14. Platz) oder Frankreich (25. Platz. Und was heißt das jetzt? Ist das nun toll?

Trotz dieses angeblich hohen Finanzbildungsniveaus und der Tatsache, dass viele Anleger in der letzten Finanzkrise viel Geld verloren haben, kamen bei anschließenden neuerlichen Anlageüberlegungen dennoch keine Emotionen auf, außer man konnte wegen falscher Produktempfehlung den Berater verklagen. Was ist bloß mit dem Anleger los?

Ich würde aber schon sagen, dass vielleicht ab 2010/2011 eine leichte Veränderung rückblickend erkennbar war, d.h. dass sich zum Thema „Emotionalität der Geldanlage“ doch einiges getan hat. So ist meine persönliche Wahrnehmung. Liegt das einzig daran, dass es aufgrund der komplexen Rahmenbedingungen immer schwieriger wird, sein Geld zur Kapitalmehrung anzulegen? Löst die zunehmende Schwierigkeit der „richtigen“ Geldanlage Emotionen aus? Nicht nur aufgrund mangelnder Alternativen boomt zum Beispiel der Old- und Youngtimer Markt. Man kann sich mit seiner Anlage identifizieren und… sie löst sogar Emotionen aus und im Wert werden die Oldtimer wohl immer weiter steigen, weil die Nachfrage aus dem asiatischen Raum so viel „altes Blech“ aus Europa „absaugt“, sagen mir entsprechende Experten. Natürlich haben auch Immobilien einen bislang ungebrochenen Anlageboom, den ich darauf zurückschließe, dass das einfache Verständnis der Anlage aufgrund fehlender Anlagemöglichkeiten eine Emotion bewirkt. Also, Emotionen gibt es – aus meiner Sicht – nun auch endlich in der Kapitalanlage!

Interessant finde ich in diesem Zusammenhang auch immer das Insider Barometer von Vorständen börsennotierter Unternehmen, die Aktien der Gesellschaften kaufen, für die sie arbeiten. Ist das eine emotionale Investmententscheidung? Ich denke, schon, wenn man einmal unterstellt, dass diese Personen mit vollem Herz und Blut Ihrer Arbeit nachgehen.

Aber nicht nur der Mangel an Anlagemöglichkeiten führt zu steigender Emotionalität, sondern die durchaus damit zusammenhängende Sinnstiftung der Anlage wird immer wichtiger. Nicht zuletzt aufgrund dieser Tatsache befindet sich die Gründung von Stiftungen in einer Boomphase. Hier lässt die Stiftungsursache ganz klar die persönliche Emotionalität in den Vordergrund stellen: Nach der Studie „Stifterinnen und Stifter in Deutschland. Engagement – Motive – Ansichten“, die vom Bundesverband Deutscher Stiftungen im Dezember 2015 veröffentlicht wurde, spricht dies eine klare Sprache: Als Stiftungsmotiv wurde überwiegend das Ziel „der Gesellschaft wieder etwas zurückzugeben“ oder aber auch „Bleibendes zu schaffen“ angeführt. Die „Sinnstiftung“ rückt damit stärker in den Vordergrund!

 

Aber auch im Kleinen zeigt sich ganz klar der Bewusstseinswandel. Oder hätten Sie sich vor 20 Jahren vorstellen können, dass sich immer mehr Menschen direkt an Unternehmensgründungen außerhalb von Börsen mit beteiligen, auch wenn sie selbst nicht für das Startup arbeiten werden? Solche Investments sind aus Ihrer Sicht sinnvoll und versprechen Aussicht auf Erfolg, auch weil man an seinem Investment „nah dran ist“ und sich damit gut identifizieren kann.

Was heißt das für die Produktanbieter? Die Anlagemöglichkeiten müssen mehr Raum für Emotionalität lassen und dem Anleger eine höhere Identifikation ermöglichen. Das bestätigt die Tatsache, die sich in Gesprächen mit vielen Familien mittelständischer Unternehmen ergeben hat: Diese sind immer weniger bereit, Ihr Kapital langfristig Institutionen ohne eigene Mitwirkungsmöglichkeit zur Verfügung zu stellen, selbst wenn die bislang versprochenen guten Renditen auch in der Vergangenheit erzielt wurden.

ALLISTRO CAPITAL ist diese Denkweise der Anleger bekannt und bietet seinen Gesellschaftern daher unterschiedliche Grade der Mitwirkung an!

3 Gedanken zu „Emotionen in der Kapitalanlage. Was hat sich in den letzten Jahren geändert?

  1. Lieber Herr Dr. Neukirchen,

    den Werdegang der Kapitalanlagen haben Sie super reflektiert. Ich kann Ihre Eindrücke nur bestätigen! Insbesondere die Emotion ist auch für mich ein ganz entscheidendes Kriterium.

    Herzliche Grüße
    Ihre Ulrike Fischer

  2. Lieber Dirk,

    vielen Dank für deinen Artikel.
    Ich bin gespannt, wie sich die Entwicklung in diesem Bereich fortsetzt.
    österliche Grüße von Heike

  3. Lieber Dirk,

    ich danke Dir für Deinen Artikel. Emotion steigt sicherlich auch mit der Alternativlosigkeit und der Komplexität. Spannend finde ich auch den Einfluss der Demografie auf das niedrige Zinsniveau.

    Viele Grüße aus Dortmund schickt Kathi

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