Geht dem Mittelstand der Führungsnachwuchs aus?

Die Suche nach einem geeigneten Unternehmensnachfolger im Mittelstand scheint zu einem immer größeren Problem zu werden. In der F.A.Z. vom 10.11.2014 war es in großen Lettern zu lesen: Junior-Chef verzweifelt gesucht. Und die aktuelle Untersuchung der Deutschen Industrie und Handelskammer (DIHK) liefert hierzu die Zahlen, Daten, Fakten. So sollen ganze 40 Prozent der Mittelständler in Deutschland keinen Nachfolger mehr finden.

Die Experten schlagen mal wieder Alarm. Dem Mittelstand geht der Nachwuchs aus. Diese Botschaft klingt bedrohlich, ist aber nicht wirklich neu. Oder doch? Denn immer weniger mittelständische Familienunternehmen finden einen Nachfolger. Spannend wird es, wenn man die Gründe erforscht und Antworten darauf findet, was sich dagegen tun lässt.

Der DIHK-Report ist voll von Erkenntnissen. Die Empfehlungen an die Politik klar formuliert: So ist die Verunsicherung im Mittelstand in Sachen „Erbschaftsteuer“ mal wieder gestiegen. Alle warten gespannt auf die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts (und die weitgehende Verschonung des Betriebsvermögens). Es soll der § 50i EStG rückgängig gemacht werden. Es geht weiter mit Forderungen wie: keine Besteuerung von Veräußerungsgewinnen aus Streubesitzanteilen, dem Abbau der Informationspflichten, usw. Und natürlich, Stichwort Basel III, wird die Schwierigkeit beim Zugang zu Fremdkapital angeprangert und eine Verbesserung der Finanzierung mit Beteiligungskapital gefordert.

Unternehmensnachfolge – ein immer größeres Problem im Mittelstand

Nach Einschätzung des DIHK schrecken vor allem hoher Kapital- und Modernisierungsbedarf viele potentielle Übernehmer ab. In einer solchen Situation sei die Politik in einer besonderen Verantwortung, die Nachfolge nicht weiter zu erschweren. Viele Unternehmer blickten beispielsweise sorgenvoll auf das anstehende Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Erbschaftsteuer.

Finanzierung mit Beteiligungskapital verbessern!

Angesichts des künftig schwierigeren Zugangs zu Fremdkapital infolge von Regulierungen der Finanzmärkte (Stichwort: Basel III) wird die Beteiligungsfinanzierung auch von Betriebsübernahmen künftig eine stärkere Rolle spielen müssen. Ein wichtiges Hemmnis liegt hier etwa in den restriktiven Regelungen zur Nutzung des Verlustvortrags (§ 8c KStG, auch Mantelkaufverbot), sie sollten auf Missbrauchsfälle beschränkt werden.

Keine Besteuerung von Veräußerungsgewinnen aus Streubesitzanteilen!

Der DIHK-Präsident Schweitzer sieht die Politik hier vor einer großen Aufgabe: „Die Erbschaftsteuerbelastung für die Betriebe darf auf keinen Fall steigen“, warnte er. „Das ist elementar, wenn wir unsere mittelständische Wirtschaft erhalten wollen, um die uns die ganze Welt beneidet. Das haben Union und SPD im Koalitionsvertrag auch so vereinbart.“

Die Argumente sind sinnvoll, aber lässt sich die negative Entwicklung damit wirklich stoppen?

Die wahrscheinlich wichtigste Ursache ist in den gesellschaftlichen Veränderungen der letzten Jahrzehnte zu sehen. Der Trend zur Individualisierung macht auch vor den Familienunternehmen nicht Halt. Die Fortsetzung des von den Eltern erstellten Lebenswerkes wird von der neuen Generation keineswegs mehr als Selbstverständlichkeit empfunden. Der Wunsch, sich selbst zu verwirklichen, ist auch bei Unternehmerkindern nicht selten stärker als die Verpflichtung gegenüber der familiären Tradition. Sie fragen nach der Attraktivität der Nachfolgerrolle und beantworten sie nicht selten negativ.

Anders als bspw. in den USA hat der Unternehmerberuf in Deutschland kein besonders hohes Sozialprestige. Ein positives Unternehmerbild oder gar eine Erziehung zum Unternehmertum wird in Schulen und Universitäten hierzulande nicht vermittelt. Die Deutschen haben eine Karriere in einem Großunternehmen im Konzern oder gehobenen Mittelstand immer schon höher geschätzt als den selbstständigen Unternehmer.

Eine weitere Ursache liegt in der Tat in der  Verfügbarkeit von privatem Beteiligungskapital, insbesondere für kleine Unternehmen und Handwerksbetriebe, begründet.  Da aber gerade diese die Wirtschaftsregionen prägen,  bemühen sich eine Vielzahl öffentlichen Institutionen wie die EU Kommission, die Bundesregierung, unterschiedliche Verbände und Organisationen oder auch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), um die Förderung des privaten Beteiligungskapitalmarktes insbesondere für diese. Auch die Akzeptanz der Unternehmer gegenüber Beteiligungsgesellschaften als solche spielt bei der Lösung der Nachfolgeregelung eine Rolle; auch hier gibt es in vielen Fällen noch Chancen für veräußerungswillige Unternehmer, Vorbehalte gegenüber externe Kapitalgeber, hinter denen selbst oftmals Unternehmer stehen, abzubauen.

Zurück zum Inhalt des Reports: Niemals zuvor in der seit 2007 geführten Statistik suchten so viele Alt-Inhaber wie im Jahr 2013 den Rat der Industrie- und Handelskammern (IHKs), um einen Nachfolger für ihr Unternehmen zu finden. Gleichzeitig sank die Zahl der Rat suchenden Existenzgründer, die sich für die Übernahme eines Betriebs interessieren, auf einen erneuten Tiefstand. Erstmals übersteigt damit die Zahl der Alt-Inhaber auf Nachfolgersuche die Zahl der potenziellen Betriebsübernehmer.

Im Jahr 2013 unterstützten die IHKs laut ihrer Statistik 5.555 Unternehmer, die einen Nachfolger suchten. Dem gegenüber standen 4.703 Gründungsinteressierte, für die auch die Übernahme eines bestehenden Betriebes in Frage kommt – ein Minus von 15 Prozent gegenüber 2012. Rein rechnerisch kommen damit auf jeden Alt-Inhaber 0,85 potenzielle Übernehmer. 2009 war die Relation mit 1,73 noch doppelt so hoch.Quelle: DIHK-Report zur Unternehmensnachfolge 2014

Quelle: DIHK, Pressemitteilung vom 11.11.2014

„Im Jahr 2013 verzeichneten die Industrie- und Handelskammern erstmals mehr übergabewillige Altinhaber als Juniorunternehmer“, berichtete Dr. Eric Schweitzer, Präsident der DIHK der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ von den Resultaten des diesjährigen Reports zur Unternehmensnachfolge. Die Statistik ist eindeutig. Es gab noch nie so viele Seniorunternehmer und noch nie so wenige mögliche Unternehmensnachfolger.

Die Folge: Mehr als 40 Prozent der Seniorunternehmer finden nicht den passenden neuen Chef. Besonders rar sind qualifizierte Übernehmer in der Industrie. Hier kommen der DIHK-Erhebung zufolge rein rechnerisch fünf Alteigentümer auf einen möglichen Nachfolger.

2050: Eine Millionen weniger Unternehmen

Setzt sich diese Entwicklung fort, wird es im Jahr 2050 rund eine Millionen Selbstständige weniger geben. Von den derzeit rund 3.5 Millionen Unternehmen sollen, so die Prognose, eine Millionen hauptsächlich kleine Unternehmen (KMU’s) wegfallen. Gleichzeitig stehen in den Schwellenländern Millionen von Start-ups in den Startlöchern. In China kann sich z. B. mehr als jeder zweite Erwerbsfähige vorstellen, ein Unternehmen zu gründen, in Deutschland ist es lediglich gut ein Viertel. Damit ist die Lösung bei der Unternehmensnachfolge essentiell für die künftige Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands.

Fazit: Der Wettlauf um geeignete Unternehmensnachfolger ist hart und wird zukünftig noch härter werden. Er lässt sich nur gewinnen, wenn der Senior das Unternehmen und die Position des Nachfolgers so attraktiv gestaltet, dass der kluge Junior  sie einfach annehmen muss. Hinzu kommt bei diesen Unternehmen noch der akute Fachkräftemangel. So hatten viele Mittelstandunternehmen in den letzten fünf Jahren Schwierigkeiten, auf Fach- und Führungsebene offene Stellen zu besetzen. Und: Der gesellschaftliche Wandel geht weiter. Mit diesen nicht neuen Erkenntnis und politischem und unternehmerischem Veränderungs- und Gestaltungswillen müsste sich der Trend umkehren lassen.

Weitere Informationen  und den Report 2014 finden Sie hier und  auf der Homepage des DIHK.