Haben kleinere Familiengesellschaften eine bessere Innovationskultur als Großunternehmen?

Erst im Herbst 2013 stellte ich die Innovations-Wertschöpfung für eine Volkswirtschaft in einem Blogartikel kurz dar. Mir war schon zu diesem Zeitpunkt klar, dass meine Sichtweise bei Weitem nicht alle wichtigen Faktoren in diesem einen Artikel würde abdecken können. Diese möchte ich gerne ergänzen ohne dabei Aspekte vorwegzunehmen, die im kommenden ALLISTRO-CAPITAL Themenbrief unter der Überschrift „Innovation braucht Tradition“ behandelt werden. Dieser wird in den nächsten Wochen per Post – sofern der Postbote es schafft und Willens ist  – zugestellt.

In meinem Artikel heute geht es mehr um die Kultur der Innovation, die auch erst einmal aufgebaut sein muss, damit ein Unternehmen erfolgreich innovativ sein kann.

Innovation und Innovationskraft ist für ein Unternehmen aber auch für eine Volkswirtschaft aufgrund  des schnellen Zusammenwachsens der weltweiten Märkte und deren Vergleichbarkeit wichtiger denn je. Unternehmen, die keine innovativen Konzepte, Produkte und Prozesse entwickeln sind aus Kundensicht vergleichbar, damit austauschbar und leichter angreifbar. Genau das zeigt auch die gerade vom Institut für Mittelstandsforschung und GE-Capital veröffentlichte Studie Triebwerk des Erfolges – der deutsche Mittelstand im Fokus deutlich auf: Die erfolgreichen größeren Mittelständler streben nach Technologieführerschaft, setzen auf Innovationen und die Entwicklung neuer Produkte. Alle anderen Unternehmensstrategien führen über kurz oder lang aufgrund der Vergleichbarkeit zu einem Preiskampf und einer negativen Preisspirale, sofern man dem Kunden neben substituierbaren Produkten nicht noch weitere innovative  Zusatznutzen oder Dienstleistungen anbieten kann.

Innovation ist das Umsetzen von Ideen

Vergleicht man allerdings aus einem ganz anderen Blickwinkel heraus die Innovationsfähigkeit zwischen Eigentümer und Nicht-Eigentümer geführten mittelständischen Unternehmen erhält man erstaunliche Antworten. So kommt die aktuelle Untersuchung des Instituts für Mittelstandsforschung BonnInnovationstätigkeit von Unternehmen“ (IfM-Materialien Nr. 225) vom November 2013 bei 2000 mittelständischen Unternehmen zu dem Ergebnis, dass  beide Gesellschaftstypen gleich innovativ sind. Bemerkenswert ist dabei auch, dass je kleiner die Gesellschaft ist, desto größer die Bereitschaft, Innovationen zu fördern. Wie kommt das? Liegt das wirklich nur daran, dass die Entscheidung nur in einer Hand liegt, wie es die Autoren dieser Untersuchung vermuten?

Ich glaube, dass das vielleicht ein wichtiger aber bestimmt kein Hauptfaktor ist. Die Innovationsfähigkeit lässt sich bei aller Bereitschaft nicht einfach planen, sondern bedarf besonderer Rahmenbedingungen und der Grundlage, dass (visionäre) Strategien seitens der Unternehmensleitung den Mitarbeitern entsprechend klar kommuniziert werden. Die Richtung muss klar und bekannt sein. Wo lässt sich diese Innovationskultur selbstverständlicher vorfinden als in kleineren mittelständischen Unternehmen? Dort, wo der Unternehmer täglich im direkten Dialog mit all seinen Mitarbeitern steht (und diese auch direkt erfahren, dass sie gebraucht werden). Hier liegt für mich die logischere Antwort.

Auch die weiteren Faktoren, die Innovationen und eine Innovationskultur fördern, finden bei kleineren Gesellschaften einen höheren Selbstverständnisgrad, müssen vom Unternehmer weniger geplant und inszeniert werden und bieten daher einen Innovationsvorteil. Es herrscht eher ein Klima gegenseitigen Vertrauens auf Unternehmer- und Mitarbeiterseite, was seitens des Unternehmers gegenüber seinen Angestellten durch Mitsprache und Wertschätzung aufgebaut bzw. gefördert wird. Die klassische Aussage, dass Unternehmen vom Wissen ihrer Mitarbeiter profitieren, ist bei Familienunternehmen damit als Rahmenbedingung vorgegeben, während sich größere Gesellschaften erst einmal öffnen müssen, um dieses nutzen zu können.

Zum Thema „Vertrauen“ gehört auch der Aspekt einer stabilen Personalpolitik, da jahrelanges im Unternehmen aufgebautes spezifisches Wissen der Mitarbeiter für die Weiterentwicklung von Nutzen ist. Auch unter dem Gesichtspunkt, dass die Kundenbedürfnisse in den Innovationsprozess mit einbezogen werden müssen. Oftmals erhalten gerade lange im Unternehmen beschäftigte Mitarbeiter, die über tradierte Kunden- und Lieferantenbeziehungen verfügen, von ihrem Kunden ein reales Feedback, wie deren Bedürfnislage wirklich ist.

Innovationskultur als Teil der Unternehmenskultur

Daher werden bei der Entwicklung neuer Produkte, Dienstleistungen und Prozesse die Mitarbeiter in kleineren Gesellschaften ganz selbstverständlich mit in den Prozess integriert. Diese Begeisterung tragen sie auch nach außen, da ihren Bedürfnissen nachgekommen wird: Für das Unternehmen bedeutungsvoll zu sein, Freude zu haben sowie kreativ und erfolgreich sein zu können.

In größeren, nicht familiengeführten Gesellschaften ist dagegen häufig noch die „top-down-Kultur“ vorzufinden, in denen von oben nach unten geführt wird und auch das gesamte Unternehmen auf die Unternehmensführung ausgerichtet ist. Die Mitarbeiter werden oftmals nicht in Strategieprozesse mit eingebunden sondern müssen erratische Entscheidungen im operativen Geschäft umsetzen. Die für eine Innovationskultur wichtigen Aspekte Eigeninitiative, Gestaltungsfreiheit und sachlich kritisches Hinterfragen sind häufig unerwünscht, aber für eine gute Innovationskultur absolut notwendig.

Zudem glaube ich, dass auch Unternehmensstrukturen die Innovationskultur beeinflussen, insbesondere dann, wenn Hierarchien nicht flach sind und Innovationen nicht bereichsübergreifend verstanden und vorgelebt werden und damit bis zum gänzlichen Ausbremsen zum Hindernislauf im Unternehmen werden.

Auch auf den ersten Vergleichspunkt, der zu dem überraschenden Ergebnis kommt, das Eigentümer und Nicht-Eigentümer geführte Gesellschaften anscheinend gleich innovativ sind, gilt es auch noch eine Antwort zu finden. Vielleicht liegt ja auch der Unterschied nicht in der Innovation als solcher, sondern darin, welchen Neuigkeitsgrad die Innovation wirklich hat und wie die dahinter stehende Risikokultur definiert bzw. zu verstehen ist.

Denn:

  • Ist unter Innovation lediglich eine Verbesserung des Bestehenden oder die Entwicklung von etwas wirklich Neuem zu verstehen?
  • Handelt es sich immer nur um neuen Produkte oder werden auch Prozessveränderungen als innovativ definiert?
  • Bedeutet die Innovationsentwicklung das aktive Fördern von Experimenten oder lediglich die Absicherung durch Analysen?

 

2 Gedanken zu „Haben kleinere Familiengesellschaften eine bessere Innovationskultur als Großunternehmen?

  1. Lieber Hr. Neukirchen,

    Ihr Blog spricht mich stark an, weil, wir, das Management Institut für den Mittelstand – MIM-Deutschland, sich das „Thema Megatrends nutzen und verstehen“ zum Schwerpunktthema gemacht hat.
    Wir bereiten gerade ein Umfrage zu „Mittelstand und Megatrends“ vor.

    Gerne erzähle ich Ihnen mehr wenn wir uns demnächst treffen.

    Ich stimme Ihnen in den Statements zu – Ja der Mittelstand ist in gewisser Weise Innovationsmotor, jedoch die gewisse Weise ist gerade das Problem, denn sehr häufig besteht die Innovation in der Entwicklung des „Golf B zum Golf C“ und nicht eine Entwicklung die aus einer „disruptiven Innovation“ entstanden ist.
    Grossunternehmen wir Samsung, Apple, GE und Shell greifen mehr und mehr Technologien und Entwicklungen auf, deren Ursprung aus dem sogn. Mittelstand entstanden sind.
    Ich sehe daraus eine Gefahr für den Mittelstand, wenn er die Zeichen nicht oder zu spät erkennt.
    Der Mittelstand muss sich unserer Auffassung vielmehr dem Zusammenschluss von Clustern und Kooperationen untereinander öffnen um nicht den Anschluss zu verlieren, wie dies z.B. in der Biotech bei Biodeutschland entstanden ist.

    Da Eigner von mittelständischen Firmen von je her misstrauisch sind wird das ein Challenge für die Klientel werden.

    Ich stimme Ihnen auch zu, dass die grösste Stärke zur grössten Schwäche wird, wenn der Hierarch aufgrund seine „Allwissenheit“ einfach entscheidet, dass das kein Thema für Ihn ist.

    Sie sehen wir müssen uns mal treffen und ein Panel zu dem Thema aus Mittelständler und uns organisieren.

    Gruss

    Andreas Rauh

  2. Ihre Erklärungsansätze stimmen nach meinen Erfahrungen völlig! Ich würde gern etwas ergänzen bzw. anders formulieren: im Mittelstand finden sich in Deutschland viele „Tüftler“ als Geschäftsführer. Menschen, die ständig auf der Suche nach besseren Produkten, Verfahrensweisen und Produktionsanlagen sind. Menschen, die ihre Ideen mit größter Energie und oft auch einer großen Portion Sturheit vorantreiben. Menschen, die ihre Ideen direkt, schnell und flexibel umsetzen wollen und deshalb häufig auch nicht in „Konzern-Schemen“ passen. Diese Menschen leben ihre Forscher- und Innovationsfreude oft bis ins hohe Alter aus – und werden somit für ihre Mitarbeiter zu Vorbildern und beeinflussen auch deren Einstellungen und Arbeitsweisen. Der Verzicht auf viele Formalien und schriftliche Ausarbeitungen kommt gerade Technikern unter den Mitarbeitern sehr zugute, so dass sie häufig über Jahrzehnte bei „ihrem“ Mittelständler bleiben und in den Fußstapfen ihrer Chefs tolle Entwicklungsleistungen erbringen.

Kommentare sind geschlossen.