Ist der augenblickliche Digitalisierungshype nicht ein wenig übertrieben?

Es vergeht fast kein Tag mehr, an dem nicht in den Tageszeitungen etwas zum Thema Digitalisierung der Unternehmen zu lesen ist. Dabei wird auch immer angemahnt, dass die Wirtschaft bzgl. der Umsetzung nun schnell handeln muss. Insgesamt wird schon ein großer Hype um dieses Thema gemacht, aber ist das nicht alles ein wenig übertrieben?

Um diesen Thema auf den Grund zu gehen haben bis wir anlässlich unseres 9. Treffens der ALLISTRO CAPITAL Industrieexperten im April dieses Jahres unsere Teilnehmer dazu befragt. Dort gaben lediglich 22 Prozent an, dass das Geschäftsmodell Ihrer Gesellschaft aufgrund der Digitalisierung nicht angepasst werden muss.

Abbildung 1: Einfluss der Digitalisierung auf Geschäftsmodelle
Quelle: Eigene Erhebung im Rahmen des 9. Treffens der ALLISTRO CAPITAL Industrieexperten, April 2016

Okay, die Digitalisierung darf definitiv kein Selbstzweck sein. Viel wichtiger ist doch die Frage für den mittelständischen Unternehmer, ob er mit dem derzeitigen Geschäftsmodell und der dazugehörigen Strategie auch in Zukunft erfolgreich sein kann. Muss dabei die Digitalisierung integrativer Bestandteil des existierenden Geschäftsmodells sein, oder gilt es neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, um den veränderten Bedingungen im Wettbewerb und insbesondere den veränderten Kundenwünschen besser Sorge tragen zu können?

Die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte hatte in 2013 mittelständische Unternehmer nach ihrem Digitalisierungsstand gefragt. 73 Prozent der Befragten führten dabei aus, dass sie bereits einen starken bis sehr starken Digitalisierungsgrad erreicht haben. Da sich der Digitalisierungseffekt bis heute weiter stark entwickelt hat, müsste auch ein aktuelles Ergebnis ein zufriedenstellendes Signal senden.Abbildung 2: Aktualität der Digitalisierung im Mittelstand
Quelle: Deloitte, Digitalisierung im Mittelstand, 2013, http://www2.deloitte.com/de/de/pages/mittelstand/contents/Digitalisierung-im-Mittelstand.html

Aber entscheidend ist doch die Frage, wie das wirkliche Bild heute in den verschiedenen Wertschöpfungsstufen der Unternehmen und auch in einzelnen Branchen aussieht. Ich denke, dass da der große Unterschied liegt. Das zeigt auch die weitere Frage im Rahmen der Deloitte Befragung:

Abbildung 3: Subjektive Bedeutung der Digitalisierung im Mittelstand nach Branchen
Quelle: Deloitte, Digitalisierung im Mittelstand, 2013, http://www2.deloitte.com/de/de/pages/mittelstand/contents/Digitalisierung-im-Mittelstand.html

Die Treiber der Digitaliserung: Handel, Dienstleistungen und Produktion

Insbesondere im Handel wird die Digitalisierung als wichtig angesehen, gefolgt von Dienstleistung und Produktion. Insoweit ist bei der Diskussion um das Thema „Digitalisierung“ der Handel nicht mehr alleine im Mittelpunkt, genießt aber immer noch eine hohe Aufmerksamkeit, da mit der fortwährenden technologischen Entwicklung auch auf das sich verändernde Konsumentenverhalten präziser eingegangen werden kann.

Spannend ist für mich, was sich im Bereich des Handels (b2c) seit meinem letzten Blogartikel zu diesem Thema („Big Data und der Tante Emma Laden – der zukünftige Wandel im mittelständischen Handel“, Blogartikel März 2014) heraus kristallisiert hat. Der Tante Emmaladen wird weiter funktionieren und bislang war es nie deutlicher erkennbar als heute, dass die Grenzen zwischen realen und virtuellen Shops fließend sind. Entscheidend ist doch, dass der Kunde sich gut beraten fühlt, die wirklichen Bedürfnisse des Kunden entdeckt werden können, ganz unabhängig davon, ob er dann direkt im stationären Shop oder auf der E-Commerce Plattform sein gewünschtes Produkt bestellt. Das ist für viele Händler die Chance, gegen große Player, wie z.B. Amazon bestehen zu können, die das nicht bieten können. Dass die Verknüpfung zwischen elektronischen und stationären Geschäft wichtig ist, macht auch am folgenden Beispiel vielen Händlern Mut: 40 Prozent der Kunden, die bei Mediamarkt und Saturn online bestellt haben, holen ihre Produkte im Markt ab, auch weil sie sich die Produkte noch einmal erklären lassen wollen.

Neben dem Handel beinhaltet der jetzige Digitalisierungshype auch – obwohl es leider nur selten in dieser Deutlichkeit gesagt wird – die Wertschöpfungsstufen „Produktion“ und „Dienstleistung“, wozu auch der Aktivitätenplan von Banken und Versicherungen gehört, aber auch die Gesundheitsbranche gefragt ist.

Industrie 4.0

Klar, dass man nach dem gescheiterten Produktionsvernetzungsgedanken des CIM (Computer Integrated Manufacturing) in den 90 Jahren heute eine absolut große Hoffnung in die „Industrie 4.0“ setzt. Jetzt befinden wir uns in einem Umfeld, in dem nun die IT-technischen Basistechnologien verfügbar sind: Hohes Datenvolumen (Big Data), hohe Datenübertragungsraten, Maschine-zu-Maschine (M2M) Kommunikation und das Internet der Dinge.

Eine unternehmensübergreifende virtuelle und digitale Echtzeit-Vernetzung von Produkten, Prozessen und Ressourcen ist somit (theoretisch) möglich. Das wird auch die Arbeitswelt verändern. In diesen Zusammenhang hat letzte Woche das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrage der OECD eine Studie herausgebracht, nach der aufgrund der kommenden Digitalisierung viele Arbeitsplätze insbesondere im Produktionsbereich auf dem Prüfstand stehen werden. Man spricht von bis zu 12 Prozent der Jobs, die in Deutschland mit hoher Wahrscheinlichkeit automatisiert werden. Hiervon sind insbesondere niedrig qualifizierte Tätigkeiten mit einem hohen Routineanteil betroffen.

Ausbildung 4.0?

Aber auch der Handlungsrahmen muss für eine Industrie 4.0 erst noch geschaffen bzw. überdacht werden: Es entstehen neue Berufsbilder, die in die Bildungsprogramme aufgenommen werden müssen. Ebenso gilt es Weiterbildungsprogramme und deren Inhalte zu definieren, um Geringqualifizierte nicht zu verlieren. Auch das duale Ausbildungssystem ist davon betroffen und bedeutet ein frühes Einbeziehen der Ausbilder in den jeweiligen Unternehmen aber auch eine entsprechende technische und personelle Ausstattung der Berufsschulen. Von den technischen Rahmenbedingungen wollen wir erst gar nicht reden, die es noch zu klären gilt, wie z.B. die Standardisierung von Schnittstellen zwischen beteiligten IT-Systemen oder Standards für die Cyber Security.

Lame Doc? Zögerliche Gesundheitsbranche

In der Medizintechnik liegt dagegen eine ganz andere Struktur der Digitalisierungsschwäche vor. Krankenkassen, Krankenhäuser, die Pharmaindustrie aber auch die Ärzte bemühen sich zwar um die elektronische Patientenakte, Telemedizin und weitere Elemente, die das tägliche Zusammenarbeiten mit Patienten erleichtern, aber von einem digitalisierten System ist man noch weit entfernt. Die Technik ist da, der Hauptgrund liegt eher im Misstrauen gegenüber einer zentralen Speicherung von Patientendaten. Wer darf die Akte führen, wie ist sicherzustellen, dass die Daten nicht für andere Maßnahmen, wie z.B. strafrechtliche Ermittlungsverfahren, genutzt werden?

Dennoch kommt Bewegung in den „E-Health-Markt“, erstaunlicher Weise von den Verbrauchern selbst initiiert. Im Fokus stehen Gesundheitsportale, Apps, Mess- und Assistenzsysteme oder digitale Fitness-Tools als Folge eines stetig steigenden Gesundheits- und Fitnessbewusstseins und auch einer hohen Zahlungsbereitschaft für entsprechende Dienste und Produkte. Laut einer Schätzung von Deloitte hatten 2014 bereits 45 Prozent der Deutschen ihre privaten Endgeräte für digitale Gesundheitsangebote verwendet. So werden für und vom Kunden über diese Plattformen Vitaldaten gesammelt.

Das wichtigste am Schluss: Der Kunde im Fokus

Neben aller Digitalisierung sollte man auch nicht den Kunden aus dem Auge verlieren. Was hilft die am besten vernetzte Produktion, wenn die Nachfrage nicht stimmt oder man nicht genug über seine Kunden weiß. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang den Artikel im Handelsblatt vom 29. Mai 2016, der sich mit der „Vermessung der Fremde“ auseinandersetzt. Im Rahmen seines Markteintritts in Indien macht sich z.B. IKEA schlau und hat schon mehr als 500 Haushalte besucht, um herauszufinden, wie die Inder wohnen. Oder hätten Sie gewusst, dass dort eine Waschmaschine nie Bestandteil einer Küchenplanung ist? Das würde im Produktangebot zu einer Verwirrung der Kunden führen, da diese in der Regel auf dem Balkon steht.

Ein Gedanke zu „Ist der augenblickliche Digitalisierungshype nicht ein wenig übertrieben?

  1. Guten Morgen,
    wirklich interessant. Eine gelungene Zusammenfassung.
    Wenn ich allerdings sehe, dass das Baugewerbe meint, es brauche die Digitalisierung nur sehr bedingt, fällt mir BER und Stuttgart 21 ein. Man sollte mal die Schweizer fragen, ob sie den Tunnel nicht doch wegen eines hohen Grades an Digitalisierung früher und günstiger haben bauen können.
    Enen schönen Tag!
    Viele Grüße!
    FLS

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