Ist der deutsche Mittelstand fit für Innovation?

Ist der deutsche Mittelstand fit für Innovation? Diese Frage richtet sich meines Erachtens heute nicht nur an den Innovationsstandort Deutschland insgesamt, sondern an jedes Unternehmen, jeden Unternehmer und nicht zuletzt an jeden  Mitarbeiter. Es zeichnet sind immer deutlicher ab, dass unser künftiger Wohlstand und die Beschäftigung maßgeblich von der Innovationskraft abhängig sind, die von der Gesellschaft, den Unternehmen und den Menschen mobilisiert werden kann.

Allerdings verschärft sich nicht nur der Innovationswettbewerb, sondern es ist zudem eine Veränderung des Charakters und des Verständnisses von Innovation zu beobachten. Durch die zunehmende Komplexität von Produkten und Leistungen und eine wachsende Verknüpfung von technischen und sozialen Innovationen wird es sicherlich in Zukunft nicht mehr genügen, das, was man bislang gemacht hat, genauso wie heute oder einfach noch schneller zu machen.

Die Herausforderung besteht vielmehr darin, einen ganzheitlichen, systemischen Blick auf Innovationen zu werfen und die vielfältigen Wechselwirkungen von organisationalen, qualifikatorischen, technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu antizipieren und zu gestalten. Anders ausgedrückt: Ein Innovationsverständnis, das sich allein auf technische Innovationen beruft, wird nicht genügen, um den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden.  Da dieses Thema so ungemein wichtig ist – nicht nur für unserer eigenes Tun – haben wir es bei ALLISTRO CAPITAL auf die Agenda genommen. Erste Gedanken, Hintergründe und Informationen hierzu habe ich für „Innovationsinteressierte“ zusammengestellt.

„Innovationskultur“ ist alles andere als ein selbsterklärender Begriff. Denn „Kultur“ repräsentiert normalerweise Denk-, Haltungs- und Handlungsweisen, die von den Beteiligten im Alltag kaum hinterfragt werden. Die besondere Herausforderung an die Entwicklung und Gestaltung einer solchen innovationsorientierten Unternehmenskultur besteht darin, dass sich diese Prozesse zugleich in einem Umfeld wachsender ökonomischer Dynamik und erhöhten Flexibilitätsanforderungen an Unternehmen und Beschäftigte vollziehen. In diesem Zusammenhang gilt es neue Antworten auf Fragen und Problemstellungen zu finden, die sich bereits heute abzeichnen und deren Relevanz weiter zunehmen wird. Wie gelingt die Integration von Kern- und Randbelegschaften? Was  bedeutet Unternehmenskultur im Kontext offener und netzwerkbasierter Innovations- und Kooperationsprozesse und welche Rolle spielt die Ausdifferenzierung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien für die Etablierung gemeinsam gelebter Verhaltens-, Handlungs- und Kommunikationsmuster? Es spricht derzeit vieles dafür, dass die Antworten, die auf diese Fragen gegeben werden, in nicht unerheblichem Maße über die Innovationsfähigkeit von Menschen, Unternehmen und letztlich über die Zukunft des Innovationsstandortes Deutschland insgesamt entscheiden werden.

„Innovation“ hingegen steht für das „Neue“ und das „Andere“. In diesem Sinne steht eine unternehmerische Innovationskultur für das Bestreben, Strukturen, Prozesse und Verhaltensweisen so zu organisieren, dass sie kontinuierlich die Entwicklung von neuen Produkten, neuen Dienstleistungen und neuen Geschäftsmodellen fördern. Das ist – rückblickend betrachtet – nicht selbstverständlich, denn Menschen und Unternehmen suchen in der Regel Sicherheit in vergangenen Erfolgen und weniger in zukünftigen Möglichkeiten. Innovation ist somit auch der Motor der Menschheit und entscheidend für das Wachstum ihrer Volkswirtschaften.

Ein Blick auf ein Praxisbeispiel aus der Medizin macht das sehr deutlich, denn gerade in diesem Bereich leistet Innovation einen wesentlichen Beitrag, um Patienten zu heilen und deren Leben lebenswerter zu gestalten. Die Medizintechnologie ist hierbei ein bedeutender Faktor, der die Gesundheitsversorgung durch Innovationen vorantreibt. Vor dem Hintergrund immer älter werdender Menschen und eines immer größeren Anteils älterer Menschen in der Bevölkerung stellt sich mit dem Erringen von medizinischen Innovationen unmittelbar die Frage nach der Bezahlbarkeit durch das jeweilige Gesundheitssystem. Insbesondere in Deutschland stehen der Einführung von Innovationen zunehmend die Bemühungen der staatlichen Organe entgegen, Ausgaben zu kürzen und Mehrkosten zu vermeiden.

Überdurchschnittliche Innovationskraft in der Medizintechnik

Die Medizintechnologie ist eine dynamische und hoch innovative Branche. Bei Patenten und Welthandelsanteil liegt Deutschland auf Platz 2 hinter den USA. Rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die deutschen Medizintechnikhersteller mit Produkten, die höchstens drei Jahre alt sind. Durchschnittlich investieren die forschenden MedTech-Unternehmen rund 9 Prozent ihres Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Der Innovations- und Forschungsstandort Deutschland spielt damit für die MedTech-Unternehmen eine besonders wichtige Rolle. Zum Vergleich: Der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am Umsatz beträgt in der äußerst innovativen Chemieindustrie 5 Prozent, in der verarbeitenden Industrie insgesamt 3,8 Prozent (FAZ vom 26.4.2005, S. 13).

Nach Aussage der Medizintechnik-Studie vom BMBF ist der Forschungs- und Entwicklungsanteil am Produktionswert in der Medizintechnik mehr als doppelt so hoch wie bei Industriewaren insgesamt (BMBF-Pressetext vom 29.4.2005, Nr. 099/2005).

Ein weiterer Beleg für die Innovationskraft der Branche sind die weiter steigenden Patentanmeldungen. Nach Angaben des Europäischen Patentamtes in München führt die Medizintechnik die Liste der Technologiebereiche mit 11.124 weltweiten Patentanträgen (eingereicht beim Europäischen Patentamt) im Jahr 2014 an. Das ist ein Plus von 3,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. In der Medizintechnik konnten die Europäer weiter zulegen (plus 3,3 Prozent) und mit einem Anteil von 41 Prozent ihren Vorsprung auf die US-Unternehmen (39 Prozent) behaupten. Deutschland war trotz eines Rückgangs von 6,3 Prozent mit 1.381 Anmeldungen führend in Europa. Nach der Medizintechnik folgen erst elektronische Geräte, die digitale Kommunikation, Computertechnologien und das Transportwesen.

Von besonderer Bedeutung für die Unternehmen ist der strukturierte Umgang mit den Ideen der Anwender, der Ärzte und Schwestern bzw. Pfleger, für neue Produkte und Verfahren der Medizintechnologie. Denn bei 52 Prozent der Medizinprodukte kommen die Ideen für das neue Produkt ursprünglich von Anwendern. Deshalb haben fast alle MedTech-Unternehmen ihre Innovationsprozesse geöffnet. Fast 90 Prozent der Unternehmen nutzen Anwenderideen häufig oder sehr häufig in der Produktentwicklung. Insbesondere die Zusammenarbeit mit Ärzten und anderen Expertenanwendern nach der „Lead User-Methode“ ist gängige Praxis (Quelle: Studie der Universität Witten-Herdecke 2011).

Innovationsmodell der Schrittinnovationen

Innovationsprozesse in der Medizintechnik differieren markant von der Biotech- oder der Pharmabranche. Es dominiert das Innovationsmodell der Schrittinnovationen, die auch von kleinen und mittleren Unternehmen (KMUs) in intensiver Kooperation mit Medizinern zeitnah auf den Markt gelangen. Der Anteil der KMUs an den MedTech-Unternehmen liegt dabei bei über 90 Prozent. Den Großteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung in Höhe von rund 2 Milliarden Euro jährlich in Deutschland kann die Medizintechnik daher über Umsätze stemmen. Der weltweite Wandel der Erstattungssysteme hin zu einer Nutzen-orientierten Medizin erzwingt aber einen kompletten Wandel der Geschäfts-, Innovations- und Kooperationsmodelle. Eine deutliche Marktbereinigung ist absehbar. KMUs werden für Innovationen künftig – ähnlich wie im Biotech-Bereich – in erheblichem Umfang Wagniskapital benötigen. Für die notwendige Vernetzung der Branche im und mit dem Versorgungsumfeld bedarf es staatlicher Impulse.

Wir können also beobachten, dass es Branchen bzw. Unternehmen gibt,  die scheinbar über eine ausgeprägte Innovationskultur verfügen. Das gilt nicht nur für Firmen wie Google, Apple, Hewlett Packard oder 3M, die immer wieder als gutes Beispiel ins Feld geführt werden. Ihre innovativen Produkte und Dienstleistungen revolutionieren ganze Märkte und Industrien. Diese Unternehmen investieren nicht nur überproportional in Forschung und Entwicklung, sondern haben auch ihre Arbeitsorganisation entsprechend optimiert, denn letztlich werden Innovationen immer von Menschen gemacht. Dass diese Firmen auch wirtschaftlich erfolgreich sind, verweist zudem auf eine enge Beziehung zwischen der Innovationskultur und dem ökonomischen Erfolg. Aber innovative Höchstleistungen werden nicht nur in Großkonzernen, sondern gerade auch im deutschen Mittelstand erzielt. Hier sind nicht wenige Unternehmen Weltmarktführer in ihren jeweiligen Branchen, wenngleich die Innovationskultur dieser innovativen Unternehmen öffentlich weniger breit diskutiert wird.

 

Quelle:

Arbeitskreis 2 „Innovationskultur stärken“der Strategischen Partnerschaft „Fit für Innovation“, Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO