Jetzt haben wir eine 30-Prozent-Frauen-Quote und bekommen Ampelfrauchen statt Ampelmännchen

Zugegeben, das Thema Frauenquote steht eigentlich nicht ganz oben auf meiner aktuellen Arbeits-Agenda. Aber als dann die Posten-Quote von Frauen in der deutschen Wirtschaft um ein ganz entscheidendes Argument bereichert wurde, hat es mich doch gereizt, einen Kommentar darüber in meinem Blog zu schreiben. Es geht um die Millionen schwere Umrüstung von Ampelmännchen auf Ampelfrauchen! Aber nicht nur!! Die Argumente für und wider sind hinreichend ausgetauscht. Auf den politischen Bühnen, in den Medien, Verbänden und an den Stammtischen (oder besser Küchentischen)?

Die Geschichte liest sich unhaltsam – fast wie ein Krimi: Die Frauenministerin Manuela Schwesig (SPD) will die Quote unbedingt um jeden Preis. Dann, kurz vor Ende der Debatte gibt es Streit in der schwarz-roten Koalition und die Union sieht die geplante Frauenquote als Belastung für die Wirtschaft. Die Ministerin reagiert empört auf die Attacken gegen sie selbst und die Frauenquote. „Es ist eine Unverschämtheit, wenn Frauen in Führungspositionen als Belastung für die Wirtschaft dargestellt werden“, sagt sie vor den Medien. Schließlich hätten Studien gezeigt, dass gemischte Teams effektiver und erfolgreicher arbeiteten. Auch die gesamte SPD ist empört. Ihr Kollege Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) unterstützt die Frauenministerin voll und ganz. „Von mehr Frauen in Führungspositionen wird am Ende auch die Wirtschaft profitieren“, sagt Maas. Beim Frauenanteil in Spitzenpositionen sei Deutschland im internationalen Vergleich Schlusslicht. „Das kann nicht so bleiben, auch dabei soll die Frauenquote helfen.“ Beide wollen ab dem Jahr 2016 eine Geschlechterquote von mindestens 30 Prozent für Aufsichtsräte von Unternehmen vorschreiben, die börsennotiert und voll mitbestimmungspflichtig sind. Sie wollen die Frauenquote durchsetzen, weil die Unternehmen viel zu wenig weibliche Vertreter in ihren Kontrollgremien haben. Unabhängig davon, ob die beiden Sozialdemokraten damit den Firmen (und auch den Frauen) schaden oder nicht.  Und damit nicht genug. Auch das Europaparlament verschärft die geplante EU-weite Frauenquote für Firmen deutlich. Demnach sollen auch Mittelständler mehr Frauen in Aufsichtsräte berufen – und dabei Vorreiter in Europa werden. Gerade erst vor ein paar Monaten beschloss die EU-Kommission, kleinen und mittleren Unternehmen entgegenzukommen. Sie will Rechtsvorschriften entrümpeln und vereinfachen, die für Konzerne handhabbar sind, für Mittelständler in Europa aber oft eine Überforderung darstellten oder zumindest einen Grund, sich an dieser oder jener EU-weiten Ausschreibung nicht zu beteiligen.

Viele Mittelständler verfolgen diese Diskussion mit großer Skepsis. Ich auch.

Jede Partei mit eigener bekannter Haltung

Michael Grosse-Brömer (CDU) bestätigt, dass die Union die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag umsetzen will und fügt hinzu, dass es in der Unionsfraktion aber „auch Vorbehalte gegen die Frauenquote“ gebe. Viele in seiner Partei seien der Auffassung, dass privatrechtliche Unternehmen selber entscheiden müssten, wie sie ihre Führungen besetzten. Und dann hob der CDU-Politiker in seinen Statements noch hervor, dass die Union über die Vereinbarungen des Koalitionsvertrags hinaus keine weitergehenden Regeln bezüglich der Frauenquote zulassen werde. Offen ließ er, wie genau die Wirtschaft entlastet werden soll. Er spricht von Hilfen für Unternehmensgründer etwa durch die Verringerung von Bürokratie. Dieses Argument kennen wir ja schon von der EU.

Die CSU-Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt bekräftigte in der Debatte ebenfalls den Vorrang der Interessen der Wirtschaft: Es müsse angesichts der konjunkturellen Schwäche auch die Frage gestellt werden, ob die Vereinbarungen im Koalitionsvertrag wirklich schnell umgesetzt werden müssten „oder ob wir uns noch ein bisschen Zeit lassen“. Hasselfeldt führt aus, dass die Frauenquote die Wirtschaft zwar „nicht im monetären Bereich“ belaste. Sie sei aber eine strukturelle und verwaltungstechnische Belastung, auch der „psychische Sektor“ spiele in der Wirtschaft eine Rolle. Deshalb müsse sich die Koalition das Thema noch einmal anschauen. „Ich bin wirklich eine, die sich für Frauenquoten einsetzt“, aber es müsse „halt im Rahmen bleiben“. In diesem Zusammenhang irritieren mich die positiven Meldungen zur Wirtschaftsleistung und Exportrekorden in Deutschland ein wenig!?

Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner zieht klare Grenzen staatlicher Eingriffe in das Leben der Bürger. Das umfasst für ihn auch die Frauenquote. Für das FDP-Präsidiumsmitglied Michael Theurer steht außer Frage, dass die Gefährdung des deutschen Mittelstands durch die Politik der Großen Koalition immer deutlicher wird. Der Mittelstand brauche „anständige Rahmenbedingungen und keine politische Gängelung“, mahnt der Liberale. Denn: „Der Mittelstand ist die Stütze und der Garant für wirtschaftlichen Erfolg und für Arbeitsplätze.“ Er fordert: „Die Große Koalition muss endlich umdenken und die Rahmenbedingungen für die Wettbewerbsfähigkeit kleiner und mittlerer Unternehmen verbessern.“ Dazu gehöre, „sie von unnützer und teurer Bürokratie zu befreien“. Denn Bürokratieabbau wirke wie ein kostenloses Konjunkturpaket. Vor allem aber brauche der Mittelstand Verlässlichkeit und keine weiteren Belastungen.

Die politischen Positionen wurden erwartungsgemäß bezogen. Die Statements der anderen Parteien erspare ich Ihnen an dieser Stelle.

Frauen-Power pro Quote

Die Zeiten, da ein SPD-Kanzler Gerhard Schröder von „Frauen und Gedöns“ sprach und seiner damaligen Frauenministerin Bergmann eine Frauenquote verbot, sind also definitiv vorbei. Dafür sind viele Initiativen „Pro Quote“ entstanden. Nach dem Start des Journalistinnen-Netzwerks „Pro Quote“ als Lobby für mehr weibliche Führung in Medienhäusern folgten Ärztinnen und Medizin-Professorinnen mit „Pro Quote Medizin“ und seit Oktober kämpft „Pro Quote Regie“ für mehr Regisseurinnen und mehr Geld für deren Film- und Fernseharbeiten. Der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB), ein unabhängiger Frauenverband mit bundesweit 200.000 Mitgliedern, setzte sich schon seit seiner Gründung 1903 für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern in Politik, Gesellschaft und Kirche ein und begrüßt ebenso wie viele andere den Kabinettsbeschluss.

Die Bonner CDU-Bundestagsabgeordnete Claudia Lücking-Michel lobt die nun erzielte Einigung der Koalitionsspitzen. „Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, auf die Kompetenz der Frauen zu verzichten. Der nun für Dezember geplante Kabinettsbeschluss zur Einführung einer Frauenquote ist daher als ein Meilenstein für die Gleichberechtigung von Frauen und Männern zu sehen. Die Zeit der Störmanöver ist nun hoffentlich vorbei”, so ein Zitat von Claudia Lücking-Michel. Sie gehört mit zu den Erstunterzeichnerinnen der “Berliner Erklärung”, einer überparteilichen Initiative von Frauenverbänden und Politikerinnen für mehr Chancengleichheit in der Wirtschaft. Lücking-Michel: „Mit der Berliner Erklärung wurde der Grundstein für ein breites gesellschaftliches Bündnis geschaffen, um endlich effektive Maßnahmen zur Umsetzung der Gleichberechtigung in den Unternehmen auf den Weg zu bringen.” Die Initiatorinnen der Erklärung fordern die gleichberechtigte Mitwirkung von Frauen an den Entscheidungsprozessen in den Führungs- und Kontrollgremien der Wirtschaft.

Die Erkenntnis ist überall gleich: In vielen Branchen und Unternehmen gibt es einen hohen Anteil von Frauen, aber dort wo es um Macht und Einfluss geht herrscht  weitgehend Frauenmangel bzw. Leere.

Fest steht: Die Quote kommt und sie bekommt gerade Schub wie nie – und das von ungeahnter Stelle: Ampelfrauchen statt Ampelmännchen.

Lokalposse oder gesellschaftsrelevanter Beitrag?

Ortswechsel von der Spree an die Emscher: Dort wollen die SPD und die Grünen 50 Prozent Ampelfrauen. Sie fordern eine Frauenquote an der Fußgängerampel. Es geht dabei zunächst nur um Dortmund? Zu dieser Stadt habe ich einen persönlichen Bezug – da werde ich aufmerksam. Die Fraktionen von SPD und Grünen in der Bezirksvertretung Innenstadt-West wollen die Hälfte der Ampeln in diesem Teil der Innenstadt mit Ampelfrauen statt Ampelmännchen ausstatten. Jetzt soll die Verwaltung die Frage der Gleichberechtigung prüfen.

Rot-Grün begründet die gewünschte Quote mit der Gleichberechtigung: „Durch die Gleichstellung von Frau und Mann ist eine teilweise Umrüstung von regulären Ampelmännchen zu ‚Ampelfrauen‘ folgerichtig“, heißt es im Antrag der Fraktionen. Und dann werden noch einleuchtende Vorteile ins Feld geführt. Die „Ampelfrau“ habe durch eine vergrößerte Leuchtfläche Design bedingt mehr Strahlkraft. Nun ist die Stadtverwaltung gefragt. Sie soll klären, welche Kosten auf die Stadt zukommen würden, wenn die Hälfte der Ampeln im Stadtbezirk Innenstadt-West mit Ampelfrauen ausgestattet werden würden. Steht das etwa ein gewaltiges Konjunkturprogramm dahinter? Soweit mein Abstecher zu diesem wirklich wichtigen Thema. Doch zurück zur „echten“ Frauenquote.

Wollen auch die Fachleute aus der Wirtschaft eine 30-Prozent-Frauen-Quote?

Wenn man ganz nüchtern rechnet, sollte es eigentlich nicht ganz so schwer sein, die gesetzte Frauenquote zu erfüllen. Frauenministerin Schwesig kam im Frühjahr dieses Jahres auf 174 weibliche Köpfe. Dann wäre die 30-Prozent-Frauen-Quote in den Aufsichtsräten der etwa hundert umsatzstärksten und börsennotierten deutschen Unternehmen schon erreicht. Und: Rund 3.500 kleinere Unternehmen mit bis zu 2.000 Beschäftigten sollen sich nach dem Willen von Ministerin vom nächsten Jahr an selbst zu Quoten in Aufsichtsrat, Vorstand und oberem Management verpflichten und regelmäßig über Fortschritte berichten

Der Mittelstand muss massiv umbauen

Die Widerstände des Mittelstands bleiben stark und die bekannten Argumente sehr lebendig: Die Quote fördere Frauen, nur weil sie Frauen seien. Die Quote belaste die Wirtschaft mit Bürokratie und die Frauen, die man brauche, gebe es eh nicht. Man sehe sich nur an, wie viele Ingenieurinnen und Naturwissenschaftlerinnen im cheffähigen Alter es gebe, ließ sich kürzlich erst Arbeitgeberchef Ingo Kramer vernehmen. Dann wisse man, was überhaupt an Quote in Unternehmensführungen möglich sei. Kramer, der selbst ein Unternehmen führt, hat Wirtschaft studiert und ist mit seiner Meinung nicht allein: „Die große Mehrzahl der Vorstände und Aufsichtsräte börsennotierter Unternehmen sind Kaufleute und Juristen“, sagt Thomas Sattelberger. Sattelberger war von 2007 bis 2012 Personalvorstand der Deutschen Telekom und führte schon 2010 die 30-Prozent Quote in seinem Führungskreis ein. Und er gibt auch auf die anderen Einwände gegen die Quote nicht viel: „Die Argumente sind ja rational alle abgearbeitet, rauf und runter.“ In Wirklichkeit bäume sich der Mittelstand, „ein stacheliges und stolzes Wesen“, gegen einen neuen Eingriff der Politik auf. Und der sei auch „nicht banal“: Wenn die Flexi-Quote im Mittelstand komme, wie Ministerin Schwesig dies will, „müssen gerade auch Mittelständler ihre Personalarbeit umfassend reformieren: Rekrutierung, Beförderung, Karrierewege und Arbeitszeit sind betroffen“.

Bundesarbeitsministerin von der Leyen (CDU) riet den Dax-Konzernen, sich bei der Frauenförderung den Mittelstand zum Vorbild zu nehmen. Dieser habe sich an seine 2001 gegebene Selbstverpflichtung gehalten, dort seien in den vergangenen zehn Jahren 30 Prozent der Führungspositionen mit Frauen besetzt worden, sagte die Ministerin am Montag im ZDF-Morgenmagazin. Dies müsse auch in Großkonzernen möglich sein.

Haben sich die Dax-30 sich mit der 30 Prozent Quote arrangiert?

Die Zahlen sprechen dafür. Elke Holst, Forschungsdirektorin Gender Studies am Berliner Wirtschaftsforschungsinstitut DIW, erhebt regelmäßig Zahlen und sagt über den Trend: „Stagnation in den Vorständen, Aufwärtsbewegung in den Aufsichtsräten.“ Das gelte sowohl für die Dax-30 wie für die Top 200 der Unternehmen. Wobei Stagnation ihrer Meinung nach noch freundlich ausgedrückt ist: Fast zwei Jahre lang fiel die Zahl der Dax-Vorstandsfrauen sogar, von 7,8 auf 5,5 Prozent im Sommer. Erst im Oktober konnte Holst wieder sieben Prozent notieren.
Anders die Aufsichtsräte: Ein Drittel der Unternehmen erfüllt schon jetzt Ministerin Schwesig‘s Zielmarke von 30 Prozent. Doch das scheint auf die operative Unternehmensführung praktisch keine Auswirkungen zu haben. Einen Kulturwandel in den Unternehmen, sagt Holst, sehe sie „derzeit noch nicht“. Vorstandskandidatinnen haben offensichtlich eine mächtigere Konkurrenz als Aufsichtsrätinnen: „Oft sind es Männer auf der mittleren Führungsebene, die selber noch aufsteigen wollen, die mauern.“

Die geplante Quote für Aufsichtsräte großer Unternehmen hält Holst für hilfreich, denn so könne „der Zeitraum verkürzt werden, mehr Gleichstellung in den Spitzengremien zu verwirklichen.“ Entscheidend sei aber eine veränderte Unternehmenskultur. Dabei, meint Holst, sollten nicht zuletzt die Männer in den Blick genommen werden, „etwa mit Angeboten, Leben und Arbeit anders zu organisieren als bisher“. Holst glaubt, das könne funktionieren: „Junge Männer wollen heute mehr als frühere Vätergenerationen Zeit mit ihrer Familie verbringen. Zeitsouveränität spielt für sie eine immer wichtigere Rolle“.
Ein bisschen Kulturrevolution ist übrigens in den Vorständen der Unternehmen schon zu sehen. Die Aufgaben der wenigen Frauen dort haben sich in den letzten Jahren verändert. Die Mehrheit ist nicht mehr für Personal zuständig – das war einst das typische Frauenressort.

Dieses spannende Thema, da bin ich mir sicher, wird uns noch lange beschäftigen. Ebenso die Frage um die Ampelfrauchen und Ampelmänchen.

 

Quellen: Tagesspiegel