Medizintechnische Trends und Innovationen

Die Medizintechnik aus Deutschland, Österreich und der Schweiz  genießt weltweit einen exzellenten Ruf. Sie ist wachstumsstark und zukunftsträchtig. Die Nachfrage nach Medizintechnik wird bis 2020 deutlich steigen. Die stabilen Trends der Einkommens- und Bevölkerungsentwicklung in den Schwellenländern und der demographischen Entwicklung in vielen europäischen Ländern begründen mittel- bis langfristig die positiven Aussichten.

Und auch mit Blick über das Jahr 2020 hinaus ins Jahr 2050 wird der Gesundheitswirtschaft eine enorme Wachstumsdynamik vorausgesagt. Der demografische Wandel, nicht nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz sondern weltweit, stellt eine nie dagewesene Herausforderung für die Gesellschaft und die Wirtschaft dar. Auf der einen Seite kommt es zum Altern und Schrumpfen der Bevölkerung in Industrieländern, insgesamt aber wird es ein kräftiges Wachstum der Weltbevölkerung geben. Das Ergebnis: Es wird auf der Erde immer mehr Menschen geben, die alle länger leben und ein gesundes Leben führen wollen. In den nächsten 40 Jahren werden fast doppelt so viele Menschen auf der Erde leben wie heute. So bedarf es Investitionen, um diese Herausforderungen meistern zu können. Das gilt auch für den Anspruch die Finanzierbarkeit der Gesundheitssysteme sicherzustellen.

Trotz dieser enormen Dynamik in der Gesundheitswirtschaft wird voraussichtlich in diesem Jahr die Nachfrage nach Medizintechnik bedingt durch die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise und der aktuellen Schuldenkrise in Europa wahrscheinlich nicht so stark wie geplant steigen. Insbesondere im Bereich der öffentlich finanzierten langlebigen Produkte der Medizintechnik wie bspw. die technischen Ausstattungen (Krankenhaustechnik und medizinische Geräte wie z.B. Computertomographien, Dialysemaschinen oder Herzschrittmacher) von Krankenhäusern und Universitätskliniken, kann laut Informationen des Hintergrunddienstes MedInsight Germany die zu erwartende Konsolidierung in vielen Ländern zu einem Aufschub von Ersatz- und Erneuerungsinvestitionen führen. Laut ersten veröffentlichten Prognosen der Branchenverbände wird rund ein gutes Drittel der Unternehmen in diesem Jahr mit zurückgehenden Gewinnen zu rechnen haben. Gründe dafür sehen Experten wie Dr. Hans-Otto Maier, Senior Vice President der B. Braun Melsungen AG, zum einen in der global zunehmende Regulierung für Medizinprodukte und einer weltweiten Marktkonsolidierung. Zum anderen mangelt es an Innovationen, denen es gelingt, die Qualität der medizinischen Versorgung bei gleichen oder sogar reduzierten Kosten deutlich zu verbessern.

Effizienz durch MedTech

Medizinisch-technischer Fortschritt eröffnet viele neue Diagnose-, Behandlungs- und Therapiemöglichkeiten und wirkt sich damit positiv auf die Lebensqualität jedes Einzelnen aus. Die Einführung und der Einsatz moderner Medizintechnik bringen oftmals allerdings einmalige Investitionskosten für Krankenhäuser und Arztpraxen mit sich. Aus diesem Grund wird moderne Medizintechnik vielfach als „zu teuer“ angesehen. Unberücksichtigt bei dieser Diskussion um die Kosten moderner Medizintechnik bleibt oftmals der Aspekt der Kosteneinsparung, der durch die Vermeidung, Heilung oder effizienteren Behandlung von Krankheiten aufgrund neuer Verfahren zu erzielen ist.

Angesichts des demografischen Wandels bewegt sich daher insbesondere die Medizintechnik im Inland im permanenten Spannungsfeld zwischen steigender Nachfrage und Sparzwang: zum einen nimmt der Kostendruck im Zuge einer alternden Bevölkerung und dem damit verbundenen Anstieg der gesellschaftlichen Krankheitskosten zu und zum anderen resultiert aus einem kontinuierlichen Bedarfsanstieg und der Forderung nach qualifizierbaren Zusatznutzen für Patienten und Anwender ein Zwang zu permanenter Innovation und Weiterentwicklung.

Unterschiedliche Entwicklung in den Absatzmärkten

Das Marktvolumen und die Nachfragestruktur werden sich in den einzelnen Absatzmärkten laut Prognosen von führenden Wirtschaftsökonomen bis zum Jahr 2020 zum Teil deutlich unterschiedlich entwickeln. Die stabilen Trends der Einkommens- und Bevölkerungsentwicklung in den Schwellenländern und der demographischen Entwicklung in vielen europäischen Ländern begründen mittel- bis langfristig die positiven Aussichten. In den wichtigsten Schwellenländern China, Brasilien oder Indien führen die steigenden Pro-Kopf-Einkommen einerseits zu einem wachsenden Marktvolumen, andererseits aber auch zu einer veränderten Struktur der Nachfrage. Eine steigende Dichte an Ärzten und Krankenhäusern in diesen Ländern erfordert eine zusätzliche Ausstattung mit Medizintechnik. Aufgrund dieser Aufholprozesse wird die Nachfrage nach Medizintechnik bis 2020 in diesen Ländern doppelt so schnell wachsen wie das Bruttoinlandsprodukt.

In den traditionellen Absatzmärkten wie zum Beispiel den USA, Großbritannien und Frankreich wird langfristig vor allem die Nachfrage nach medizintechnischen Innovationen zunehmen. Daher empfehlen die Ökonomen gerade bei stagnierenden Märkten weiter in Forschung und Entwicklung zu investieren, um Wettbewerbsfähigkeit und Marktanteile zu gewinnen. Dies wird unter dem Strich zu einer starken Konsolidierung am Markt führen, da nicht alle Medizintechnik-Unternehmen den Zugang zu hochqualifizierten Fachkräften, aber auch zu Krediten und langfristiger Finanzierung ihrer Forschungsprojekte, haben.

Trends und Treiber in der Medizintechnik-Branche

Neben ihrem exzellenten Ruf gilt die Medizintechnik nicht nur in Deutschland, sondern auch in  Österreich, der Schweiz oder auch in Frankreich, als eine der innovativsten Branchen, in Deutschland darüber hinaus als größten Arbeitgeber der Industrie. Auch ein Blick in die Zahlen des Europäischen Patentamtes bestätigt, dass die Medizintechnik im Jahr 2014 mit 11.124 Patentanmeldungen (plus 3,2 Prozent) die führende Branche war. Mit 4.349 (plus 4,1 Prozent) kamen die meisten MedTech-Anmeldungen aus den USA. Deutsche Firmen standen trotz eines Rückgangs um 6,3 Prozent mit 1.381 Anmeldungen an der Spitze in Europa, danach folgen Frankreich mit 741 (plus 8 Prozent), die Niederlande mit 471 (plus 20,9 Prozent), die Schweiz mit 448 (minus 13,5 Prozent) und Großbritannien mit 275 (plus 3 Prozent) Anträgen.

Die Medizintechnik stellt sich zudem als hochkomplexes Technologiefeld dar, das durch eine ebenso komplexe Akteursstruktur und -interaktion gekennzeichnet ist. Das Umfeld wird insbesondere charakterisiert durch Technologieintensität, Interdisziplinarität, Regulierung und Wettbewerb sowie durch den demografischen Wandel. Aus dieser Komplexität heraus ergeben sich zahlreiche Chancen und Faktoren.

Vor allem im Bereich der Technik gibt es fünf nennenswerte Innovationen: Kombiprodukte, Mobile Health, neue Materialien, 3D-Druck und personalisierte Medizin. Auf der Angebotsseite sorgen langfristig weiterhin zu erwartende Basisinnovationen im Bereich von Bio-, Gen- und Nanotechnologie für Wachstumsimpulse, indem sie Möglichkeiten für Produktinnovationen und Produktdifferenzierung bereitstellen.

Aus Sicht der Deutschen Gesellschaft für Biomedizinische Technik im VDE (DGBMT) existieren Hürden neben den wissenschaftlich-technologischen Herausforderungen der Medizintechnik vor allem bei der klinischen Erforschung, Zulassung und Erstattung von Medizinprodukten sowie bei den grundlegenden Aspekten Aus- und Weiterbildung, Technologietransfer und Forschungsförderung.

Die DGBMT hat daher im Positionspapier „Medizintechnische Innovation in Deutschland “ zehn zentrale Empfehlungen erarbeitet, mit deren Umsetzung die Innovationsrahmenbedingungen für Hochtechnologie-Medizin in Deutschland nachhaltig verbessert werden können. Diese Empfehlungen lauten:

  1. Verbesserung der medizintechnisch-klinischen Forschung
  2. Lotsenfunktion bei der Zulassung von Medizinprodukten
  3. Transparenz bei der Erstattung medizintechnischer Innovationen
  4. Überwindung interdisziplinärer Grenzen in Aus- und Weiterbildung
  5. Etablierung einer Lern- und Lehrplattform in der Medizintechnik
  6. Verbesserung der Rahmenbedingungen für Kooperationen
  7. Stärkung der Forschungsförderung in der Medizintechnik
  8. Etablierung innovationsbegleitender Maßnahmen
  9. Förderung von Innovationsmanagern
  10. Stärkung der kommerziellen Ergebnisverwertung von Fördervorhaben

Der überwiegende Teil der Empfehlungen richtet sich an die Bundesregierung, die insbesondere durch gezielte Förderung der Medizintechnik sowie durch die Schaffung gesetzlicher Rahmenbedingungen die Weichen für mehr Innovation zu stellen vermag. Doch auch die Vertreter der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen, die Bundesländer sowie die Akteure der Medizintechnik selbst, d.h. die Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Klinken sind aufgefordert, Innovation in der Medizintechnik zu beschleunigen.

Ein außergewöhnliches Beispiel hier ist das Medical Valley EMN mit Sitz in Erlangen, das einen internationalen Spitzenplatz belegt. Verschiedene Auszeichnungen und Wettbewerbervergleiche unterstreichen den Erfolg dieses Netzwerks und seiner Akteure. So erhielt das Medical Valley EMN eine Auszeichnung zum nationalen Spitzencluster für Medizintechnik durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Januar 2010 (Förderung bis 2015). Seit 2011 trägt das Medical Valley EMN das Qualitätslabel „European Cluster Excellence Initiative Bronze Label Certificate“. Die Partner des Medical Valley vereinigt das Ziel, nur solche Produkte, Dienstleistungen und Lösungen zu entwickeln, welche die Effektivität und Effizienz in der Prävention, Diagnose, Therapie und Rehabilitation deutlich steigern.

Langfristig gesehen will das Medical Valley EMN die Strukturen in der Gesundheitsversorgung optimieren. Der Geschäftsführende Vorstand des Medical Valley EMN, Prof. Dr.-Ing. Dr. h. c. Erich R. Reinhardt, sieht die Stärken dieses Clusters in seiner Innovationskraft sowie der Disziplin übergreifenden Forschung und Entwicklung. Das bedeutet für die Akteure Wettbewerbsvorteile und Wachstumsmöglichkeiten in einem globalen Marktumfeld.

Handlungsfelder eröffnen neue Optionen

ALLISTRO CAPITAL  Industrie-Experte Prof. Reinhardt sieht die Entwicklung von der reaktiven Medizin hin zur „personalisierten“ Medizin. Die damit verbundenen Trends lassen sich durch 4Ps beschreiben:  1. Präventiv – man versucht Lebensumstände zu schaffen, die das Gesundbleiben fördern. 2. Prädiktiv – es gelingt die Wirkung einer Therapie, z.B. eines Medikamentes für den betreffenden Patienten vorherzusagen. 3. Personalisiert – individuelle erfasste Parameter z.B. gemessen durch Genom- oder Protomanalysen, helfen die Therapieverfahren für den Einzelnen auszuwählen. 4. Partizipativ – der betroffene Patient – oder auch der Gesunde – wird in den Behandlungsablauf und Entscheidungen stärker einbezogen.

Ich beobachte die Entwicklungen und Innnovationen in der Gesundheitswirtschaft und insbesondere in der Medizintechnik mit großer Aufmerksamkeit. Denn das Gesundheitswesen wurde bis vor einigen Jahren ausschließlich unter Kostenaspekten betrachtet. Die Wertschöpfung dieser Branche und das Beschäftigungspotenzial blieben dabei weitgehend unberücksichtigt. Das ändert sich vollständig. Grund genug, das Thema auf der Agenda zu haben.

 

Statistiken zum Thema Medizintechnik

Unter den Begriff Medizintechnik fallen Krankenhaustechnik und medizinische Geräte wie Computertomographien, Dialysemaschinen oder Herzschrittmacher. Allein der Umsatz der deutschen Industrie für Medizintechnik belief sich 2013 auf rund 23 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 16 Milliarden Euro auf den Auslandsumsatz, der Inlandsumsatz lag bei 7,3 Milliarden Euro. Wichtige Exportmärkte für Medizintechnik aus Deutschland sind beispielsweise die USA, Frankreich und Italien. Die führenden deutschen Unternehmen in der Medizintechnik nach Umsatz sind Siemens Health Care, Fresenius Med. Care und B. Braun. 2013 arbeiteten 98.100 Beschäftigte in der Branche Medizintechnik.

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Quelle: DESTATIS  http://de.statista.com/themen/793/medizintechnik/