Niedrigzins: Was passiert wenn…?

In den letzten Monaten werde ich auch immer häufiger gefragt, ob nach meiner Einschätzung der aktuelle Zins in den nächsten Jahren auf dem jetzigen niedrigen Niveau bleiben wird.

Ich finde eine passende Antwort sehr schwer, hängt die weitere Zinsentwicklung doch von so vielen einzelnen schwer abschätzbaren Faktoren ab. Aber reizvoll ist es, dieses Szenario einmal durchzuspielen. Also, was wäre, wenn der Zins längerfristig auf diesem Zinsniveau verharren sollte?

Wenn bald flächendeckend die Banken von Ihren Kunden Negativzinsen verlangen, dann wird es – wie immer im Leben –  eine Vielzahl von Reaktionen geben. Ich greife einmal drei mögliche Varianten auf:

1. Variante: Bargeld horten

Ich schätze, dass ungefähr ein Drittel das gar nicht einsieht und versucht, das Geld selbst „einzulagern“ anstatt einen Negativzins zu akzeptieren. Das machen die Banken ihnen ja auch vor, die bei der EZB auch keine Negativzinsen mehr bezahlen wollen. Da hilft nur eins: Sich schnell gut beraten lassen und sich einen eigenen Tresor zulegen oder ein Bankschließfach anmieten.
Aber auch Tresore und Bankschließfächer haben ja nur ein begrenztes Volumen und wenn es dann bald keinen 500-Euro-Schein mehr gibt, wird es bei beiden Alternativen doch schnell eng. Noch problematischer wird es allerdings dann bei einer vollständigen Abschaffung des Bargeldes, wie es die Politik oftmals in letzter Zeit gefordert hat.

2. Variante: Negativzins erdulden

Ein weiteres Drittel wird vermutlich gar nichts machen. Sie werden ihr Geld weiterhin auf dem Tagesgeldkonto der Bank „verweilen“ lassen und auch einen Negativzins „erdulden“, haben sie doch einfach Angst oder sind zu bequem, es bei sich selbst „zu lagern“. Sparen steht unverändert im Vordergrund, schließlich ist es ja auch ein wichtiges Kulturelement.
Was sollen auch die ganzen Menschen machen, die ihr Geld für ihre Rente ansparen müssen oder sogar schon Rentenempfänger sind und mit den Zinsen ihre angesparte Rente aufbessern wollten? Werden die bei diesem Zinsniveau etwa motiviert, –  was ja das eigentliche Ziel des Niedrigzins sein sollte – ihr mühsam verdientes Geld zu verkonsumieren, weil sie sowieso nichts mehr dafür bekommen? Wohl eher nein! Für die Renten-Ansparer wird es zu keinem veränderten Sparverhalten aber einem veränderten Vermögensaufbau führen, da sie im Rentenalter nicht davon ausgehen können, dass sie allein von den Zinsen ihrer Rente leben können. Fatal ist dabei zudem der bei diesem Zinssatz fehlende Zinseszins – Effekt, der natürlich auch den persönlichen Kapitalstock-Aufbau unterstützt.

Quelle: FAZ

Aber da gibt es ja noch ein ganz anderes Problem: Als Bürger weiß man ja auch gar nicht so genau, was die gesetzliche Rentenversicherung auszahlen wird. Versucht man vielleicht auch deswegen von Seiten der Politik gerade wieder die Unternehmen dafür „zu gewinnen“, Renten für die Angestellten anzusparen? Neben den demographischen Herausforderungen der heutigen Rentendiskussion, der man ja mit einem späteren Renteneintrittsalter begegnen könnte, bereitet aber das niedrige Zinsniveau den Unternehmen zunehmend Probleme, die Betriebsrenten ihrer Mitarbeiter zu stemmen. Das gilt sowohl für jetzige aber auch für zukünftige Renten. Denn der Wert zukünftiger Pensionsverpflichtungen ist aus heutiger Sicht umso höher, je niedriger der angesetzte Rechnungszins ist. Und der wird bei diesem Zinsniveau weiter fallen. So bewirkt beispielsweise eine Zinssenkung von einem halben Prozentpunkt bei einem durchschnittlichen Dax-Konzern eine Erhöhung der Pensionsverpflichtungen um 1,1 Mrd. Euro.

Erstaunlicher Weise trifft diese passive Verhaltensweise des gerade beschriebenen zweiten Drittels der Anleger nicht nur auf Privatpersonen, sondern auch auf mittelständische Unternehmer zu. Eine Studie der Fachhochschule des Mittelstandes zum Finanzanlageverhalten mittelständischer Unternehmen  vom September 2016, an der 160 Unternehmen teilnahmen, zeigt, dass das Investitionsverhalten trotz niedriger Zinsen zurückhaltend ist und Festgeld- und Termineinlagen präferiert werden. Ich kann mir das schon so vorstellen, glaube aber, dass gerade im Bereich der Digitalisierung der Unternehmen unverändert fokussiert investiert wird.

3. Variante: Investieren in Sachwerte

Das letzte Drittel der Anleger wird weiterhin in Immobilien investieren und auch unverändert Anlagealternativen suchen. Spannend, wenn man sich in diesem Kontext einmal die zunehmende Wertentwicklung von „Sammlerstücken“, wie z.B. Autos, Kunst, Schmuck, Briefmarken, oder selbst Wein anschaut, die in der Renditeentwicklung der letzten 10 Jahre ein Plus von insgesamt 74% erreichen konnten, weit vor Immobilien (+34%) oder Aktien (+24%) (siehe Handelsblatt vom 28.9.2016, Seite 28 + 29). Sollten sich die Märkte verändern, gilt es hierbei, sofern man mit Veräußerungsgedanken spielt, zu berücksichtigen, dass diese nur über eine geringe Liquidität verfügen und enormen Einzelpreis-Schwankungen ausgesetzt sind.

Risiken für Banken

Auch aus gesamtvolkswirtschaftlicher Sicht ist ein Fortbestehen niedriger Zinsen ein großes Thema: So muss man zum Beispiel auch bei den Banken sehen, wie lange das für sie bei diesem Zinsumfeld noch so funktioniert. Zwar kann das Firmenkundengeschäft Kredite risikoadjustiert „zu guten Konditionen“ rausgeben, aber auch ihr Geschäft wird schwerer. Wollen Sie überhaupt im Kreditgeschäft etwas verdienen, dürfen sie nicht so kritisch bei der Auswahl der Kreditnehmer und ihrer Projekte sein, wenn sie auch weiterhin ihren Kunden keine festverzinslichen Wertpapiere verkaufen können und auch über diesen Weg ausbleibende Provisionen irgendwie kompensieren müssen. In der Wettbewerbssituation mit anderen Banken können sich die Kreditinstitute beim Preis kaum noch gegenseitig unterbieten, weshalb man bereit ist, als Differenzierungsmerkmal zunehmend auf Kreditvertrags-Schutzklauseln zu verzichten. Das ist kein ungefährlicher Weg und kann für die Banken im nächsten Abschwung teuer werden.

Quelle: Tagesgeldvergleich.net

Aber der EZB die Schuld an der jetzigen Lage der Banken zu geben, ist meiner Meinung nach auch ein wenig einfach. Denn sollte nicht jedes Geschäftsmodell von Banken auch eine lange Niedrigzinsphase durchhalten können? Dass die Geschäftsmodelle einzelner Banken nun auch vom IWF in Frage gestellt werden, vor allem das der Deutschen Bank, macht mich nachdenklich. Und das soll laut IWF auf 30 Prozent der Europäischen Banken zutreffen? Aber man darf natürlich nicht übersehen, dass die allgemeine Ertragsschwäche der Banken – auch bedingt durch ein Umfeld niedriger Zinsen –  bei einem schwachen Wirtschaftswachstum die Kapitalpuffer aufzehrt. Erste Reaktionen seitens der Banken, mit geplantem Abbau von knapp 40.000 Stellen, lösen aber nicht deren strukturelle Herausforderung, die Geschäftsmodelle neu auszurichten. Oder geschieht dies „geräuscharm“?

Mehr Risikofreude bei Versicherungen

Wenn man sich über die volkswirtschaftlichen Konsequenzen der Niedrigzinsphase Gedanken macht, darf man die Versicherungen nicht ausblenden. Aufgrund der Zinslandschaft und dem zunehmenden „Anlagenotstand“ wird den Versicherungen zur Erzielung einer zukünftig ausreichenden Rendite von vielen Experten zunehmend mehr Mut bei der Anlagepolitik vorausgesagt. Lt. einer bislang unveröffentlichten Studie von Blackrock, die weltweit 315 Versicherungskonzerne befragte, gaben 47% der Befragten an, dass sie das Risiko in ihrem Anlageportfolio innerhalb der nächsten 1-2 Jahre anheben wollen. Insbesondere die Nachfrage nach alternativen Anlagen wird weiter deutlich steigen, zu der neben der Baufinanzierung auch das Engagement in das Beteiligungsgeschäft gehört.

Investitionen in die Infrastruktur

Gerne würde man auch mehr in Infrastruktur-Projekte investieren, aber das ist nicht so einfach. Unter anderem sind ja gute Straßen, belastbare Brücken und ein leistungsstarkes flächendeckendes Breitbandnetz Voraussetzungen für eine leistungsfähige Volkswirtschaft. Dass allein in Deutschland seit 2003 diese Investitionsquote negativ ist, d.h. der Wertverzehr über der Investitionsquote liegt, zeigt die Dringlichkeit der Aufholung.

Aber damit ergeben sich noch keine Anlagemöglichkeiten, da seitens der Politik zunächst einmal die geplante Infrastrukturgesellschaft, über die das Verkehrs-, Wirtschafts- und Finanzressort seit einem Jahr beraten, gegründet werden muss. Dort liegt augenscheinlich der Schlüssel, um Infrastrukturinvestitionen zu erleichtern und privates Kapital zu mobilisieren. Aber ganz nebenbei: Neben diesem organisatorischen Effekt auf Bundesebene sind auch die Länder und Kommunen in der Pflicht. Aber statt der Investitionsumsetzung sorgen sie durchaus auch für einen Investitionsstau: Denn zu bestimmten Investitionsbereichen werden vom Bund eigentlich genügend Mittel bereitgestellt, die, aufgrund der Engpässe in den kommunalen Behörden, hervorgerufen durch den organisatorisch zu verarbeitenden Flüchtlingszufluss im letzten Jahr, nicht investiert werden konnten.

Fazit: Unsicherheiten bremsen

Zusammenfassend kann man festhalten, dass die Versuche, mit der Zinssenkung die Wirtschaft anzukurbeln, fehlschlagen, was wohl auch daran liegt, dass die Perspektive der Konsumenten voller Unwägbarkeiten steckt. Zu groß ist die Vorsicht vieler Teilnehmer. Stellt sich zum Schluss die Frage, welche Handlungskonsequenzen sich bei steigenden Zinsen entwickeln werden.

4 Gedanken zu „Niedrigzins: Was passiert wenn…?

  1. Angesichts der seit der Finanzkrise weiter angestiegenen Verschuldung der europäischen Staaten, haben alllein schon die Finanzminister keinerlei Interesse an steigenden Zinsen. Schulden machen und Rückzahlen ist einfacher bei 0 % oder gar Negativzins seitens der EZB. Und eigentlich nicht fianzierbare Wahlversprechen der etablierten Parteien sind reizvoller als schmerzhafte Strukturreformen. Angesichts des dramarischen Vertrauensverlustes von Wahl zu Wahl in die ehemaligen Volksparteien, werden diese kaum den Mut haben, dem Wähler eigentlich notwendige Reformen zuzumuten. Weniger aus Sorge um das Wohl des Volkes und der Banken, als um die existenitelle Sorge der eigenen Wiederwahl vieler Bundestagsabgeordneter und Kabinettsmitglieder. Die Politik hat somt längerfristig hohes Interesse an einem Niedrigzins.

  2. Sehr geehrter herr Dr Neukirchen,

    zunächst vielen Dank das Sie mich auf ihren Block aufmerksam gemacht haben. Die hier aufgeführten Schlußfolgerungen sind aus meiner Sicht richtig wieder gegeben. Nun da ich auch nicht in die Zukunft sehen kann bin ich der meinung das diese Niedrigzinsphase in den nächsten Jahren vorrüber ist. Dennoch habe ich mich schon korrigieren müssen da ich steigende Zinsen zum jetzigen Zeitpunkt ( in den nächsten 24 Monaten) erwartet hätte/würde. Wie man hier sieht auch bei mir viel mit hätte/ wäre/ wenn!
    Es ist erstaunlich wie wenig mittel in die Hand genommen werden um unsere Bildung/ Infrastruktur/ Soziales zu unterstütze bzw zu modernisieren.
    Ich freue mich auf weiter beiträge und wünsche eine erfolgreiche Woche

    MfG

    Thorsten Peters

  3. Lieber Herr Neukirchen, das ist ja alles richtig, aber die Kritik geht doch in eine andere Richtung. Herr Draghi (ex Goldman Sachs) will den Südländern auf „Teufel komm raus“ ersparen, längst überfällige Reformen zu machen, und das zu Lasten der Nordländer. Europa wird daran zu Grunde gehen, auch weil unsere Regierung nicht nur nicht dagegen hält, sondern dies stillschweigend fördert. Herr Schäuble will sich unverdientermaßen weiter an der „schwarzen Null“ ergötzen und Frau Merkel hat ja den verdienten A.Weber trickreich als EZB Präsidenten verhindert.
    Wir haben mittlerweile eine Regierung, die gegen die Interessen ihres eigenen Volkes agiert. Siehe auch Deutsche Bank und VW. Natürlich haben beide schwer gesündigt, aber was da an „Strafen“ (anders als gegenüber amerikanischen Unternehmen) verhängt wird, ist Wirtschaftskrieg pur. Eine Regierung, die wirklich die Interessen ihres Landes im Focus hat, müsste hier zumindest moderierend eingreifen.
    Beste Grüße C.Helbig

  4. Lieber Dirk, vielen Dank für Deine Gedanken zu dem bewegenden Thema. Ich denke, dass die nötigen Strukturreformen und damit ein Umschwung erst kommen werden, wenn die „Schmerzen“ groß genug sind und nicht mehr durch andere politische oder Rettungsmaßnahmen gelindert werden können.

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