Sommer: Die Zeit der Betriebsferien, der Sonne und des Glücks.

Hurra, ich bin im Urlaub! Dieses Jahr hat es meine Familie und mich auf eine der wunderschönen Mittelmeerinseln getrieben. Beeindruckende Architektur, fantastische Landschaften, nette Menschen, gutes Essen und vieles mehr. Leider gibt es auch W-LAN und somit ist „man“ dann auch während dieser, für die Erholung so wichtigen Zeit, immer mal wieder online. Und wenn dann – ganz zufällig – der Rechner dann doch mal eingeschaltet wird, um die E-Mails zu checken, dann liest man natürlich auch mal schnell in der Wirtschaftspresse, was in der Heimat so passiert. Natürlich hauptsächlich die guten Nachrichten, wie bspw.: Die Wirtschaft in Deutschland wächst! Prima, die Bundesregierung rechnet mit einem noch stärkeren Wirtschaftswachstum für dieses und nächstes Jahr als bisher angekündigt. Den neusten Prognosen zufolge sollen in 2015 und 2016 ein Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 1,8 Prozent zu erwarten sein. Diese frohe Botschaft verkündete Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel. Die Schätzung lag bis dorthin bei rund 1,5 Prozent für 2015 und 1,6 Prozent für nächstes Jahr. Ein Grund zur Freude!?

Die ZEIT resümiert, dass Deutschland mal wieder als Hoffnung für Europas Wirtschaft gesehen wird. Wirtschaftswachstum in der Eurozone soll es wieder einmal nur so um die 0,9% geben. Diese neuen Annahmen spiegeln sich zudem in der amtlichen Steuerschätzung wider. Vermutlich können die Finanzbehörden mal wieder mit zusätzlichen Einnahmen rechnen. Das kommt dann allen zugute. Das Handelsblatt schwärmt von deutschen Aktientiteln, stellt fest, dass Prognosen mehr sagen als Quartalsrückblicke und berichtet von Chinas milliardenschwerem Konjunkturprogramm, das letztendlich auch Deutschland zugute kommt. Na wenn das keine guten Nachrichten sind. Da können wir Deutschen mal wieder richtig zufrieden und glücklich sein!

Hat das Glück Hochkonjunktur?

Doch zurselben Zeit, in der wir uns über solche guten Nachrichten freuen, geraten immer mehr Menschen in Deutschland in die Armutsfalle. Die Gewaltbereitschaft nimmt ein beängstigendes Ausmaß an, Jugendliche und Erwachsene verstricken sich in Schule und Beruf rettungslos in Konflikte und Mobbingstrukturen oder kommen oft mit den kulturellen Verschiedenheiten in unserer Gesellschaft nicht mehr zurecht. Hinzukommen eine diffuse Angst vor einem Klima-Gau, die regelmäßig mit neuen Bilder von Naturkatastrophen genährt wird, Wirtschaftkrisen in Europa uvm. Gleichzeitig boomt das Geschäft mit dem Glück auf dem Markt der Printmedien, der Sport- und Freizeitindustrie, der Pharmazie und Medizin.

Da hat man fast den Eindruck, als sei die Welt jetzt kompliziert und bedroht genug, um sich auf sehr elementare Lebensbedürfnisse zurückzubesinnen: Nach einer Umfrage des EMNID-Instituts antworteten auf die Frage »Was macht glücklich?«: Freundschaft 96 %, Familie 94 %, Liebe 93 %, Freizeit 91 % und Urlaub 83,0 %.

Unsere Wirtschaft ist mehr, als nur eine Abfolge von Zahlen in Statistiken

Doch sind Prognosen und Statistiken wie diese wirklich wichtig für uns und unser Glück? Industriewachstum? Handelsbilanzen? Arbeitslosenzahlen? Lohnentwicklungen? Unternehmensgründungen? BIP? Zinsentwicklung? Wenn man auf die fortschrittlichen Ökonomen und Konjunkturforscher hört, sind dieses alles Indikatoren von gestern. In einem Finanzsystem wie dem unsrigen, das an seine Grenzen stößt, und einer Arbeitswelt, die sich rasant wandelt, sollte sich der Wohlstand eher daran messen, wie viel Glück eine Gesellschaft produziert. Aber was macht glücklich? Und wie lässt sich eine glückliche Marktwirtschaft überhaupt beziffern?

Diesem Phänomen sind die Autoren Bert Losse und Sven Prange in ihrem Artikel „Geld allein reicht nicht – Was uns wirklich glücklich macht“ in der Wirtschaftswoche auf den Grund gegangen. Dort beschreiben sie, dass auf dem Markt unserer Befindlichkeiten als neues Maß der Bewertung unseres Wohlstands eine neue Währung Einzug hält. Diese Währung ist, so schreiben sie, jedoch nicht in Ziffern messbar und dennoch ein ökonomisches Maß; sie wird nicht von Zentralbanken herbeigezaubert, sondern vermehrt sich, indem wir sie mit anderen teilen; die individuell und doch universell gültig ist: Das Glück. Eine Währung also, die wie aus einer esoterischen Parallelwirtschaft wirken würde, wenn sie nicht durch jene aufgewertet würde, die in jüngster Zeit mit ihr handeln.

Lesen Sie, was die Autoren der Wirtschaftwoche dazu schreiben – Ich hätte es auch nicht schöner sagen können. Ach ja, ein Zitat von Albert Schweizer darf an dieser Stelle nicht fehlen:  „Glück ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt“.

Meinen Blog-Lesern wünsche ich eine doppelt glückliche Sommerzeit!

 

[aus der WiWo …]

Die Deutschen suchen nach dem Glück

Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte schon im vergangenen Jahr vor Ökonomie-Nobelpreisträgern „Wir wollen intensiver als bisher die konkreten Vorstellungen der Bürger von einem guten Leben in Erfahrung bringen.“ Bisher waren Kanzler für Wirtschaftswunder (Konrad Adenauer und Ludwig Erhard), Europas Einigung (Helmut Kohl) oder den Umbau des Sozialstaats (Gerhard Schröder) zuständig. Angela Merkel versucht ihr Glück nun mit dem Glück. Der Regierungschef als Chief Happiness Officer. Da will auch Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel nicht nachstehen. Der Sozialdemokrat, so hört man von seinen Strategen, bastelt an einer Neu-Interpretation von Ludwig Erhards „Wohlstand für alle“. Statt schnöde auf Bruttoinlandsprodukt, Handelsbilanzen und Arbeitslosenquote zu starren, würden die Deutschen künftig gerne auch über den Wert besserer Arbeit oder besserer Bildung – für den Standort und den Einzelnen – reden.

Und die Deutschen selbst sind eh kaum zu bremsen bei ihrer Suche nach dem Glück im Leben: Man sieht das an Studien wie dieser Woche jener von der FH Köln, die unter 5.000 Arbeitnehmern aus dem Mittelstand herausfand, dass ihnen sinnvolle Arbeit wichtiger sei als eine herausragende Bezahlung. An Umfragen wie jener des GfK-Vereins vor wenigen Wochen, bei denen Glücksmerkmale vor einem hohen Einkommen landeten. Beim Blick auf die Neuerscheinungen in diesem Frühjahr, da sich Titel wie „Die Macht des Mitgefühls“, „Ändere die Welt“, „Endlich frei“ oder „Anleitung zum Glücklichsein“ in den Buchläden stapeln. An den Zeitschriftenregalen, in denen die Verlage mit Titeln wie „Flow“ oder „My Harmony“ das Glücksinteresse der Leser bedienen wollen. Das Schöne und Heile, das Harmonische und Übersichtliche reüssiert. Was auch an der Generation Y, der nach 1980 Geborenen, zu sehen ist, denen Soziologen mit Blick auf Berufswahl und Weltsicht eine Abkehr vom Materiellen hin zu einem mitunter diffusen Konzept von „Glück“ unterstellen. Und selbst der Kongress der Familienunternehmer, sonst eher nicht in der Abteilung für Esoterik angeordnet, stand vor wenigen Wochen unter dem Motto „Glück“.

Wirtschaft ist nicht nur eine Abfolge von Zahlen

Was zunächst wie ein Widerspruch zu einer Zeit scheint, in der das Traurige und Verstörende in unseren Alltag dringt wie schmutziges Wasser in ein undichtes Boot, soll harte Wirtschaftspolitik werden. Deswegen wird ab Mitte April die Bundesregierung, zunächst in Gestalt von Meinungsforschern, dann aber auch qua lebendiger Minister und Kanzlerin, zum „Zukunftsdialog“ ausschwärmen, um die deutsche Vorstellung von Lebensqualität zu erkunden.

Es geht dabei weniger um Konzepte wie das des Bruttonationalglücks, mit dem der sonderbare Himalaja-Zwergstaat Bhutan in den vergangenen Jahren auf sich aufmerksam machte. Auch nicht um ein Glücksministerium, wie es Venezuela vorhält. Glück politisch verordnen zu wollen, darauf wird noch zurückzukommen sein, führt eher zu obskuren Ergebnissen. Weswegen auch viele Ökonomen, die den Zusammenhang von Zufriedenheit und Wirtschaftssystem erforschen, diese Parallelmetriken zum bisherigen System der Wohlstandsmessung skeptisch sehen. Jene Ökonomen bereiten aber durchaus den Boden dafür, dass Lebensqualität und Zufriedenheit nicht nur über das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts zu messen sind: Indem sie an die gemeinsame Wurzel von Glück und Wohlstand erinnern – Freiheit und Selbstbestimmung. Und indem sie Wirtschaft nicht mehr nur als Abfolge von Zahlen begreifen, sondern begründen: Eine pumperlgesunde Volkswirtschaft reicht nicht, um Zufriedenheit zu schaffen. Monetäres, klassisches Wirtschaftswachstum als Maß des Kapitalismus bekommt Konkurrenz: Glück wird Teil der Wohlstandsindikatoren.

[… den gesamten Artikel Geld allein reicht nicht – Was uns wirklich glücklich macht von Sven Prange und Bert Losse  lesen Sie unter http://www.wiwo.de/politik/konjunktur/geld-allein-reicht-nicht-was-uns-wirklich-gluecklich-macht/11584602.html ]

Quelle: Wirtschaftwoche, 10.04.2015

Ein Gedanke zu „Sommer: Die Zeit der Betriebsferien, der Sonne und des Glücks.

  1. Eine gelungene Darstellung des Themas.
    Da haben ja die Empfänger des blogs Glück gehabt!

    Viele Grüße!
    FLS

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