Was beschäftigt den deutschen Mittelstand eigentlich im Sommer?

Das soll jetzt nicht nostalgisch klingen! Aber früher… da gab es noch ein richtiges Sommerloch. Eine sonderbare Zeit, in der auf der politischen Bühne erholsam wenig los war und in den Unternehmen Betriebsferien herrschten. Nur auf den Autobahnen, in den Urlaubsquartieren und an den Stränden herrschte Hochkonjunktur. Und heute? Gut, die Autobahnen sind immer noch voll und aus dem politischen Berlin ist so wenig zu hören, dass man mit weiß-blauen „Modellauto-Skandal-Geschichten“ aus München unterhalten wird. Der letzte interessante Sommerloch-Artikel in der Wirtschaftspresse „Mittelstand trotzt dem Sommerloch“ datiert vom Juli 2012. Dafür liest man, dass die deutschen Unternehmen über alle Branchen hinweg ausgelastet sind und der Wirtschaftsmotor brummt. Wenn ich so auf meinen Schreibtisch schaue, dann sehe ich dort auch ganz viel Arbeit. Da scheint also was dran zu sein. Der Blick in die Zeitungsberichte und Info-Grafiken bestätigt diesen Eindruck. Egal ob ifo-Weltwirtschafts-Index, ifo-Geschäftsklima-Index, KfW-ifo-Mittelstandsindex oder IT-Mittelstandsindex, bis zum Beginn der Sommerferien im Juli waren grundsätzlich nur „gute“ Nachrichten zu lesen. Und wie sieht es im Rest des Jahres aus? 

Ein immer noch robuster Arbeitsmarkt, optimistische Verbraucher oder das stabile Wirtschaftswachstum – die fast nur positiven Signale aus der deutschen Wirtschaft haben unser Selbstbewusstsein gestärkt. Doch nun könnte sich bei den Unternehmen eine Trendwende anbahnen. Die letzten Veröffentlichungen der wichtigen Leit-Indizes zeigen an, dass sich die Stimmung bei den Unternehmensleitern erneut verschlechtert hat. Der Ifo-Geschäftsklima-Index fiel im Juli zum dritten Mal in Folge und erreichte mit 108,0 Punkten den tiefsten Stand seit Oktober 2013.

Im Vergleich zu Juni 2014 ergibt sich ein Rückgang um 1,7 Punkte. Beim dritten Rückgang des wichtigsten deutschen Konjunkturbarometers in Folge sprechen Experten gemeinhin von einer Trendwende.

Vor allem dürften der Konflikt in der Ukraine, der Israelisch-Palästinensische Krieg im Gaza-Streifen, der anhaltende Krieg in Syrien, der ISIS-Terror im Irak, die konjunkturellen Schwächen einiger europäischer Staaten wie Italien und Frankreich, die Abkühlung des Konjunkturklimas in Japan und die damit verbundenen globalen Unsicherheiten die Zuversicht der Unternehmen gebremst haben. Aber auch die anhaltende Rezession in Brasilien und die drohende Staatspleite in Argentinien machen den deutschen Unternehmen in ihren so wichtigen südamerikanischen Absatzmärkten zu schaffen. Richtig laufen tut es derzeit nur in China und in Amerika.

Daher bewerten viele Firmen ihre Lage schlechter als vor einem Monat. Der ifo-Präsident Hans-Werner Sinn spricht davon, dass die geopolitischen Spannungen die deutsche Wirtschaft belasten.

Laut einer Analyse des CAR-Institut der Universität Duisburg-Essen droht sich nun auch angesichts dieser und weiterer globaler Konjunktur-Risiken der weltweite Automarkt  im zweiten Halbjahr 2014 einzutrüben. Das trifft die deutschen Automobilbauer. Nach dieser Marktprognose könnte sich das Wachstum bei den weltweiten Verkäufen von fünf Prozent (36,6 Millionen Pkw) im ersten auf ein Prozent (36,8 Millionen Autos) im zweiten Halbjahr abschwächen.

Die Sanktionen des Westens und Russlands

Die EU hat vor kurzem neue Russland-Sanktionen beschlossen und berät über weitere Maßnahmen, um Präsident Putin zu mehr Kooperation in der Ukraine-Krise zu bewegen. Sogar Vertreter der deutschen Wirtschaft unterstützen inzwischen härtere Strafmaßnahmen gegen Russland. Die Antwort aus Russland kam sofort. Der russische Regierungschef  Dmitri Medwedew verkündet, dass die EU und die USA, Australien, Kanada und Norwegen künftig kein Fleisch, keine Milch und kein Obst oder Gemüse mehr nach Russland liefern dürften. Das Verbot gilt vorerst für ein Jahr. Damit reagierte der Kreml auf die Sanktionen, die der Westen zuvor verhängt hatten. Kann man das noch als Sommerloch-Theater bezeichnen? Ich befürchte nicht. Im Gegenteil: das kann sich zu einem handfesten Drama entwickeln. Denn Russland zählt zu den größten Lebensmittelimporteuren der Welt. Die Europäische Union führte 2013 landwirtschaftliche Waren im Wert von rund 12 Milliarden Euro nach Russland aus. Die USA exportierten nach Angaben ihres Landwirtschafsministeriums während dieser Zeit Agrarprodukte im Wert von 1,3 Milliarden Dollar (knapp eine Milliarde Euro) nach Russland. Doch nun ist für die Händler des Westens der Markt gesperrt. Ob dieses Importverbot vor allem die einzelnen Betriebe trifft oder die ganze Wirtschaft, ist fraglich. Gefährlich wird es, wenn sich die Spirale weiter dreht.

Der Mittelstand blickt skeptischer in die Zukunft

Auch das Mittelstandsbarometer verzeichnet laut der KfW-Bankengruppe im Juni 2014 einen Rückgang des mittelständischen Geschäftsklimas. Doch auch nach dem dritten Rückgang in Folge ist die Stimmung unter den Mittelständlern noch immer überdurchschnittlich gut. Die kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland spüren allerdings die nachlassende Wachstumsdynamik und blicken mit etwas mehr Skepsis auf ihre künftigen Geschäfte.

Dr. Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW, sieht im Juni-Ergebnis des KfW-ifo-Mittelstandsbarometers sein Konjunkturbild gestützt und prognostiziert eine Normalisierung der Drehzahl, aber kein Abwürgen des Konjunkturmotors. Nach dem starken Wachstum von 0,8 Prozent zu Jahresbeginn sind aus Sicht der KfW im weiteren Jahresverlauf Quartalsraten von nur noch 0,3 bis 0,5 Prozent zu erwarten. Dank des Katapultstarts in das Jahr kann im Gesamtjahr noch ein Realwachstum von 2,0 Prozent erreicht werden. Im Gegensatz zum Mittelstand zeigt sich bei den Großunternehmen im Juni ein differenziertes Klimabild: Einerseits bewerten sie ihre aktuellen Geschäfte spürbar besser als im Mai und schließen damit erstmals seit April 2012 wieder zu den Mittelständlern auf. Andererseits verschlechtern sich ihre Erwartungen auf ein Zehnmonatstief. Dadurch wird auch das Geschäftsklima der Großunternehmen insgesamt ins Minus gedrückt.

Erwartungen bei Großunternehmen deutlich schlechter

Offenbar befürchten die exportstarken Großunternehmen, dass die gerade begonnene zaghafte Erholung der Weltwirtschaft von den geopolitischen Spannungen in der Ukraine und nun verstärkt auch im Irak schon wieder ernsthaft beschädigt werden könnte – zumal auch die Stabilisierung in Europa noch auf sehr wackeligen Füßen steht und über die Verteilung der Kosten der Energiewende in Deutschland weiter mit der Europäischen Kommission gestritten wird.

Die Statistik zeigt die Entwicklung des Werts der Exporte aus Deutschland im Zeitraum von Juni 2013 bis Juni 2014 (saison- und kalenderbereinigte Werte in Milliarden Euro). Im Juni 2014 lag der Wert der Exporte aus Deutschland saison- und kalenderbereinigt bei 93,7 Milliarden Euro.

 

Im Einzelhandel zeigt der Trend noch nach oben

Die Sorge um die offene außenwirtschaftliche Flanke zeigt sich auch beim Blick auf die Branchenindikatoren. Dies wird besonders im Dreimonatstrend akzentuiert: Die Stimmung in der global agierenden Industrie kühlt sich in beiden Unternehmensgrößenklassen spürbar ab. Das Klima im Großhandel als Mittler zwischen Außen- und Binnenwirtschaft bleibt zumindest bei den großen Firmen der Branche knapp stabil. Einzig das Einzelhandelsklima ist in beiden Größensegmenten gegenüber dem ersten Quartal konsistent im Plus. Das passt zum Revival des privaten Konsums als neue Wachstumsstütze, beflügelt durch Beschäftigungsaufbau und deutlich mehr Reallohn.

Positive Verbraucherstimmung schürt Optimismus

Der Ifo-Index hält sich seit März 2010 über der Marke von 100 Punkten und damit auf einem vergleichsweise hohen Niveau. Der Index wird monatlich durch die Befragung von Managern in rund 7.000 Unternehmen ermittelt.

Laut Postbank-Volkswirt Marco Bargel weist der dritte Rückgang beim Ifo-Index darauf hin, dass die Konjunktur ihren Höhepunkt überschritten hat und das Bruttoinlandsprodukt in der zweiten Jahreshälfte weniger stark wachsen könnte. „Das Stimmungsniveau ist aber noch relativ hoch, so dass kein Anlass zu akuter Sorge um die Konjunktur besteht“, sagte er in einem Interview.

Auch der Ökonom Andreas Scheuerle von der Deka-Bank zieht aus dem dritten Rückgang in Folge noch keine Rückschlüsse, wie stark der Abwärtstrend ausfalle und wie lange er anhalten könnte. Für ihn deutet auch der GfK-Konsumklimaindex auf eine stabile wirtschaftliche Lage hin. Demnach rechnen die Verbraucher mit deutlichen Lohnsteigerungen und sind weiter bereit, kräftig zu konsumieren.

Und womit beschäftigt sich der Mittelstand in diesem Sommer?  

Wie auch schon in der Vergangenheit. Der Mittelstand ist damit beschäftigt sich den Risiken zu stellen und sich stetig zu optimieren! Nur keine Sommerpause machen, den Motor immer im Schwung halten. Das Deutschland über einen so leistungsstarken und Krisen-resistenten Mittelstand verfügt, wird als Hauptgrund für die bisherige Wirtschaftsleistung Deutschlands angesehen. Betrachtet man alleine das durchschnittliche Umsatzwachstum, so hat der deutsche Mittelstand in den letzten Jahren (vor und nach der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise) die Wachstumsraten schon wieder übertroffen. Das soll auch in Zukunft so bleiben.

Doch was macht den Mittelstand so erfolgreich und einzigartig? Vielleicht ist es die Tatsache, dass diese Unternehmen besonders gut geführt werden. So scheint der Mittelstand seinen Ruf als Wachstumsmotor zu Recht zu genießen und den kontinuierlichen Fokus auf betriebliche „Best Practice“ zu legen, die selbst etablierte Großunternehmen in den Schatten stellen. Die Erfolgsformel lautet: Vorspruch durch Exzellenz.

Erklärender Nachtrag:

ifo-Geschäftsklimaindex

Das Ifo-Institut bittet monatlich rund 7.000 Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes, des Bauhauptgewerbes, des Großhandels und des Einzelhandels, ihre gegenwärtige Geschäftslage zu beurteilen und ihre Erwartungen für die kommenden sechs Monate mitzuteilen. Die Unternehmen können ihre aktuelle Lage mit „gut“, „befriedigend“ oder „schlecht“ und ihre zukünftigen Geschäftserwartungen für die kommenden sechs Monate als „günstiger“, „gleichbleibend“ oder „ungünstiger“ kennzeichnen. 

Der Saldowert der gegenwärtigen Geschäftslage ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten „gut“ und „schlecht“, der Saldowert der Erwartungen ist die Differenz der Prozentanteile der Antworten „günstiger“ und „ungünstiger“. 

Das Geschäftsklima errechnet sich aus dem Mittelwert der Umfrageergebnisse zur Geschäftslage und zu den Erwartungen. Zur Berechnung der Indexwerte werden diese transformierten Salden jeweils auf den Durchschnitt des Jahres 2000 bezogen.

Weitere lesenswerte Informationen:

KfW-ifo Mittelstandsbarometer

Download KfW-ifo-Mittelstandsbarometer/2014 (PDF)