Der richtige Energiemix für Produktionsunternehmen nach der Energiewende – neun Fragen an Thomas Kleefuß

Traditionell lädt ALLISTRO CAPITAL zweimal im Jahr seine Industrieexperten und Gesellschafter zu einem Perspektivgespräch ein, bei dem man sich auch exklusiv über einzelne Branchenentwicklungen und für Unternehmer relevante Themen austauscht. Zum vierten Treffen der ALLISTRO CAPITAL Industrieexperten vor vier Wochen in Frankfurt diskutierten wir vor dem Hintergrund der Energiewende auch über die zukünftige Energiemix-Strategie für Produktionsunternehmen. Hierbei stellte uns unser Industrieexperte Thomas Kleefuß* mit seinem Vortrag abseits der derzeit klassischen Energiediskussionen doch sehr eindrucksvoll und erkenntnisreich seine Sichtweise der Dinge vor, der eine mehr als zwanzigjährige internationale Energieerfahrung zugrunde liegt. Ich stelle ihm die wichtigsten Fragen jetzt für alle Interessierten gerne noch einmal.

I1I Herr Kleefuß, wie sieht das richtige Energie-Management für Produktionsunternehmen nach der Energiewende aus? Welche Rahmenbedingungen sind zu berücksichtigen?

Thomas Kleefuß: Ich möchte nicht sofort eine Lösung auf die die Frage geben wollen, sondern rege an, sich erst einmal Gedanken zum Status Quo des Energiemanagements in Produktionsunternehmen zu machen. Sich dieses anzuschauen und zu bewerten sollte die erste Aufgabe sein. Ich bin immer wieder überrascht, dass häufig noch in energieintensiven Unternehmen  das Energiemanagement insbesondere der Energie-Einkauf etwas stiefmütterlich gesehen und dieser noch nicht integriert gemanagt wird. Erkennbar ist, dass zwar die Daten im Controlling erfasst werden, aber der Energieeinkauf in der Regel vom Produktionsleiter oder dem dezentralen Einkauf gemanagt wird. Darüber hinaus werden auch die wahren Preisrisiken selten im Risikocontrolling gemanagt. Beides, Einkauf wie auch Risikomanagement, sollten aufgrund der Bedeutung zentralisiert geführt werden.

 

I2I Wo sehen sie die Risiken bzw. Opportunitäten für Produktionsunternehmen durch die Energiewende?

Thomas Kleefuß: In den letzten 10 Jahren sind zwar die Energiekosten dramatisch gestiegen, dafür sind aber auch der Energiemarkt und damit auch das Energieangebot deutlich marktorientierter geworden. Das erlaubt heute den Energieverbrauchern, die deutlich gestiegene Volatilität durch ein  verbessertes Risiko- und Energiemanagement auch am Markt abzusichern.

 

I3I Wie sieht diese Verbesserung denn heute in der Praxis aus?

Thomas Kleefuß: Ich möchte dies kurz anhand von zwei Beispielen zeigen.
Beispiel 1: Der Anstieg der erneuerbaren Energien sorgt für eine wachsende Volatilität der erzeugten Strommenge im Netz. Durch eine liquide Strombörse gibt es nun zeitscharfe Preise für die benötigte Leistung. Das heißt im Umkehrschluss, die Unternehmen müssen sich in einem ersten Schritt Gedanken zu ihrem Lastprofil über den Tag machen um die eigenen Spitzenlasten zu optimieren. Im zweiten Schritt lassen sich hier durch genaue Kenntnisse der eigenen Lastkurve und professioneller Verhandlung mit dem Stromanbieter deutliche Einsparungen durch die Nutzung neuer Produkte der Stromanbieter oder sogar Anpassungen im eigenen Produktionsprozess erzielen. Z. B. hat die abschaltbare Leistung einen hohen Wert für den Stromanbieter, der diese auch über die Marktpreise vergüten kann. Kühlhäuser können beispielsweise in Spitzenzeiten herunter geregelt werden und in günstigeren Zeiten vorgekühlt werden.

Beispiel 2: Die Bewertung der Gas- und Ölpreise unterliegt über den Ölpreis eben auch einem Dollarrisiko, welches in einem modernen Risikomanagement ebenfalls berücksichtigt und im Währungsmanagement mit abgebildet werden sollte.
Darüber hinaus ist die Absicherung der Energiepreise für die laufende und zukünftige Berichtsperiode zunehmend ein Instrument, dem im Risikomanagement Bedeutung geschenkt werden sollte.

 

I4I Birgt die Energiewende noch weitere Risiken und gibt es neue, auf uns zukommende, die schon erkennbar sind?  

Thomas Kleefuß: Ich glaube, dass die Risiken grundsätzlich bekannt sind. Man muss aber ganz klar erkennen, dass weder die Politik noch die Wirtschaft die wahren Auswirkungen bzw. Kosten der Energiewende wirklich zu beziffern weiß. Dieses wird umso mehr erschwert, da sich ein langfristiger Energiemix derzeit nicht durch die Marktkräfte einstellt, sondern durch politische ad hoc Entscheidungen, die bestimmte Energieträger fördern oder diskriminieren. Und das mit massiven finanziellen Auswirkungen. Die kurzfristige Abschaltung der AKWs hat den Börsenpreis für Strom um bis zu 5€ / MWh verteuert und im Gegenzug haben die milliardenschweren Subventionen für die erneuerbaren Energien den Börsenpreis gesenkt aber die Netzentgelte signifikant verteuert. Eine gesamtwirtschaftlich nachvollziehbare Kalkulation scheint nahezu unmöglich und liegt wohl den Entscheidern kaum vor.

 

I5I Seit wann trifft die Politik denn wirtschaftlich strategische Entscheidungen für einen Wirtschaftssektor, statt nur die Rahmenbedingungen vorzugeben? Was ist die Folge daraus für die Wirtschaft, auch die Energiewirtschaft?

Thomas Kleefuß: Leider ist die aus meiner Sicht wirklich strategische Entscheidung der Energiewende zu einer Stromwende verkommen, die durch wenig durchdachte regulatorische Eingriffe in den Stromerzeugungsmarkt das Marktgleichgewicht für unterschiedliche Energieträger auf absehbare Zeit verhindert.
Anstelle von kurzfristigen Anschubfinanzierungen bzw. volkswirtschaftlich durchdachten regulatorischen Eingriffen, die einer strukturellen Veränderung hin zu einem CO2 reduzierten Energiemix dienen sollten, erleben wir heute einen deutlich teureren und CO2 intensiveren Energiemix. Dieses ist das Ergebnis der verbleibenden Marktkräfte: nämlich die der Kapitalmärkte, deren hohe Effizienz sie zu schnellen und großen Reallokationen befähigt. Die hohen Verzinsungen in erneuerbare Energien führten zu nicht erwarteten Investitionen, die die Netze an ihre Leistungsgrenzen gebracht haben und weitere Investitionen notwendig machen, die der Verbraucher letztlich auch bezahlen muss. Ein zweiter Effekt resultiert aus billigem Schiefergas in Amerika. Dieses ersetzt die Kohle und verbilligt damit die Importkohle. Diese wiederum kann in Europa wirtschaftlich genutzt werden, da über eine fehlkalkulierte Verteilung von CO2 Zertifikaten die CO2 Vermeidungskosten gering sind.
Hier sieht man sehr deutlich, wie vorsichtig der Staat sein sollte, in Märkte und dessen Spielregeln einzugreifen. Es ist jetzt an der Zeit, dass die Politik wieder den Marktkräften die Freiheit gibt, einen effizienten aber nachhaltigen Energiemix herzustellen. Aber selbstverständlich für Europa. Ein effizienter Energiemix lässt sich auf nationaler Ebene nicht realisieren, wenn Kapital und Commodities international im Wettbewerb stehen.

 

I6I Aber noch einmal zurück, wie kann man sich gegen diese Risiken versichern?

Thomas Kleefuß: Ich denke einen Vollkaskoschutz an dieser Stelle gibt es nicht. Wenn Energie für einen Betrieb ein wichtiger Einsatzfaktor bedeutet, so gilt es hier, das Thema Energie in den Prozess der Produktionsplanung – und des Risikomanagements mit einzubeziehen.

 

I7I Woran würden sie sich orientieren?

Thomas Kleefuß: In Analogie zur politischen Strategie bewegt sich jedes Unternehmen in dem nicht konfliktfreiem Zieldreieck, „Versorgungssicherheit, Ökologie und Kosten“.
Jedes dieser Ziele bedeutet gleichermaßen Risiko und Chance insbesondere gegenüber dem Wettbewerb. Dieses umso mehr, wenn der Betrieb unterschiedliche Energieträger einsetzt und auch über die Möglichkeit eigener Energieerzeugung nachdenkt.

 

I8I Ist dieses in der jetzigen Situation nicht schwierig? Was glauben Sie, welche Faktoren von der Politik noch verändert werden?

Thomas Kleefuß: Ich denke auf absehbare Zeit werden wir niedrige Börsenpreise für Strom aber weiter steigende Netzentgelte erwarten können. Die Politik hat diese Entwicklung erkannt und wird durch mehr Marktorientierung im Energie Einspeise Gesetz (EEG) versuchen, die Neuanschlüsse von Wind und Sonne in Richtung Eigenverbrauch anstelle von fixer Einspeisevergütung zu lenken.
Hier gilt es das Umfeld und die Förderungsprogramme zu beobachten, denn es können sich durchaus auch zukünftig interessante Opportunitäten für die erneuerbare Energieerzeugung geben. Wenn fixe Renditen für Energieerzeugung gezahlt werden und man die Möglichkeiten hat, warum sollte man davon nicht auch opportunistisch partizipieren?

 

I9I Was für Konsequenzen ergeben sich damit für energieabhängige, produzierende Unternehmen in der Zukunft?

Thomas Kleefuß: Per Saldo gehe ich von steigenden Strompreisen, getrieben von EEG Kosten aus der  Belastung durch die Netzentgelte sowie weiterhin von volatilen Öl und Gaspreisen aus.
Ein erfolgreiches Energiemanagement basiert auf einer langfristigen Energiebeschaffungsstrategie gepaart mit einer Integration von Energiecontrolling und marktbasiertem Risikomanagement.

*Zur Person Thomas Kleefuß:
Thomas Kleefuß, (49) ist seit mehr als 20 Jahren international in der Öl- und Gasbranche tätig. In unterschiedlichen Managementfunktionen war er in der gesamten Wertschöpfungskette für den RWE Konzern von der Ölexploration über den Gaseinkauf bis hin zu Infrastruktur, Speicher und Pipelinetransport tätig. In den letzten acht Jahren hat Thomas Kleefuß als Vorsitzender der Geschäftsführung den tschechischen Gastransportnetzbetreiber NET4GAS geleitet, und damit wesentlich an der Entwicklung der West- und zentraleuropäischen Gasmärkte mitgewirkt. Letztes Projekt war die erfolgreiche Verkaufstransaktion der NET4GAS an ein Konsortium der beiden Infrastrukturfonds bestehend aus Allianz und Borealis.