Fähigkeitsnachweise und Eigeninteressen von (Eigen-) Kapitalanlage-Verantwortlichen und Politikern

Tiefere Gedanken darüber habe ich mir nur ab und zu gemacht, aber teilweise war ich  schon sehr verwundert, wenn ich in Fernseh-Interviews mit Politikern zur Prime Time offensichtlich erkennen musste, dass diese gefragt, „Sie mögen doch bitte einmal erklären, wozu gerade Sie gerade im Bundestag abgestimmt haben“, keine Antwort geben konnten. Die gewählten Vertreter des Volkes wissen demzufolge nicht immer – oder nur selten – worüber sie eigentlich abstimmen sollen, tun dies aber dennoch! Da kann man sich oft des Eindrucks nicht verwehren, dass diese zu einzelnen Fragen eher Nachhilfe benötigen, statt zu antworten. Die Welt ist wohl zu komplex geworden.

Wolfgang Clement bemängelt als Gastkommentator im Handelsblatt vom 2. April 2013 nicht umsonst, das gerade die Politik, die Transparenz in vielen Bereichen immer stärker fordert, bei der Auswahl des eigenen politischen Personals an Intransparenz aber nicht zu überbieten ist. Eine Eignungsprüfung von Politikern gibt es nicht, auch die Auswahl der Personen findet, so Herrn Clement, „hinter verschlossenen Türen statt“. Die Frage, wer letztlich die Transparenz bzgl. der Eignung und des Tuns der Politiker überwacht, bleibt unbeantwortet. Die Frage „wer kontrolliert den Kontrolleur“ ist ja auch schon eine alte.

Was befähigt die Kapitalanlage-Verantwortlichen und Politiker für ihren Job?

Zum Angeln muss ich einen Eignungsnachweis haben, einen „gefährlichen“ Hund darf ich ohne Hundeführerschein nicht ausführen, ein Brot nicht ohne staatliche Prüfung backen und verkaufen, bzw. mein Auto oder Motorrad ohne Führerschein nicht fahren. Wenn ich bei Rot über die Ampel fahre bekomme ich eine Strafe. Beachte ich in der Doktorarbeit nicht alle gültigen Regeln, ist der Titel gerechterweise weg. Und dann die Konsequenz: als politisches Personal wird man untragbar.

Ich finde es gut, dass es durch die neue AIFM-Richtlinie auch für alle Verwalter alternativer Investmentfonds einen Eignungsnachweis, d.h. einen Führerschein, geben wird. Damit können auch Anleger von Beteiligungsfonds o.Ä. sich sicher sein, dass die handelnden Personen des Fonds nicht mit ihrem eingezahlten Geld die ersten Erfahrungen machen, sondern dieses intelligent investieren. Auch die Anlageaktivitäten der Beteiligungsfonds werden demnächst überwacht, was allerdings nicht wirklich neu ist und nicht unbedingt einen besseren Anlegerschutz bietet, da schon zuvor bei Investments abseits der Anlagestrategie die Gesellschafter ihre notwendige Zustimmung verweigern konnten.

Ich bin sehr froh, dass der private Anleger frei ist und keiner Regulierung unterliegt. So vermutet man es derzeit noch. Das kann sich aber auch noch dramatisch ändern. Derzeit ist er aber noch frei in seiner Entscheidung, der Zinsfalle zu entgehen. Schön wäre es, wenn er dies auch nutzen würde. Aber seitdem die Notenbanken mit einer „Geldmarktschwemme“ versuchen die europäischen Volkswirtschaften zu retten, sind die Zinsen stark gesunken und führen unter Berücksichtigung der Inflation sogar zum Substanzverlust.

Das trifft den Deutschen insbesondere bei seiner liebsten Anlageform, dem Sparbuch, hart. Für mich unverständlich ist allerdings, dass er trotz dieses Wissens an der Anlageform „Sparbuch“ festhält und dies wohl auch in Zukunft tun wird, wie die aktuelle Forsa Umfrage vom 2. und 3. April 2013 zeigt. Über 70 Prozent der Befragten wollen auch zukünftig kein Geld vom Sparkonto abziehen.

Die zweitbeliebtestes Anlageform, der Erwerb von Immobilien, ist hingegen stark politisch getrieben. Mehr noch als Politiker haben der Umfrage zufolge Banken das Vertrauen der Sparer verloren: 75 Prozent der Deutschen glauben, dass die Banken die Spareinlagen ihrer Kunden nicht fair verzinsen. 53 Prozent stimmten in der Umfrage der Aussage zu, dass angesichts der niedrigen Zinsen von einer schleichenden Enteignung gesprochen werden könne. Das größte Vertrauen unter den Geldanlagen genießen der Umfrage zufolge Sachwerte wie Immobilien (65 Prozent) und Gold (45 Prozent). Noch weniger Vertrauen als in Sparkonten (28 Prozent) haben die Befragten in Bundesanleihen (16 Prozent) und Aktien (11 Prozent).

Aktuell besonders interessant ist die Entwicklung der drittbeliebtestes Anlageform: Gold. Jahrelang kannte der Goldpreis nur die Richtung nach oben. Eine öffentlich geäußerte Idee des Präsident der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, Zypern und andere hoch verschuldete Staaten sollten sich von ihren Goldvorräten trennen, bevor sie andere Staaten um Hilfe bitten, hat umgehend zu einem Preisrutsch des Goldpreises geführt.

Sicherheit ist deutschen Bankkunden wichtiger als hohe Zinssätze

In einer anderen aktuellen Forsa-Umfrage vom Februar 2013, die im Aufrag des Softwareherstellers SAS durchgeführt wurde, kommt heraus, dass es den deutschen Bankkunden bei der Geldanlage vor allem darum geht, dass die Banken vorsichtig mit ihrem Geld umgehen. Für ein solches Risikobewusstsein sind 84 Prozent der Bevölkerung sogar bereit, niedrigere Zinsen bei kurzfristigen Geldanlagen in Kauf zu nehmen. Gleichzeitig sind 67 Prozent der Bürger überzeugt, dass die Banken ihre Geschäftspolitik nach der Bankenkrise von 2008/2009 nicht geändert haben – und 70 Prozent wünschen sich, dass die Finanzinstitute vom Staat stärker an die Leine genommen werden. Allerdings: Vor allem die unter 30-Jährigen finden, dass der Staat von einer stärkeren Bankenregulierung absehen sollte.

Weil das Sparbuch an Attraktivität verliert und Inflationsangst herrscht, investieren viele zur augenscheinlichen Substanzerhaltung unverändert in Immobilien, wohl wissend, dass die Preise mittlerweile oft viel zu hoch sind. Und der Staat verdient beim Erwerb mit 5 Prozent Grunderwerbsteuer sowie jährlich über die Grundsteuer kräftig mit. Rechnet sich das für den Anleger denn überhaupt noch? Die Flucht in Immobilienwerte ist damit eine sichere und attraktive Einnahmequelle. Zumindest für den Staat!

Auch die Anlage in Lebensversicherungen ist mit Fragezeichen behaftet, da aufgrund der niedrigen Kapitalmarktzinsen sich die Versicherungsindustrie schwer tut, attraktive Renditen zu erwirtschaften und diese auch noch zukünftig zu garantieren. Warum? Weil sie in ihrer Anlageausrichtung zukünftig auch Regulierungen nach Solvency II unterworfen sein wird, die dem Schutz der Versicherten dienen soll. Solvency II bedeutet, dass Versicherungen ihre Kapitalanlagen, abhängig vom damit behafteten Risikograd, mit unterschiedlichen Eigenkapitalbeträgen unterlegen müssen. Anlagen in höherverzinsliche Investitionen sind für sie damit „teurer“. Da stellt sich doch schon einmal die Frage, ob dieser Schutz der Versicherten durch Versicherungsinsolvenzen der Vergangenheit überhaupt in dieser Form gerechtfertigt ist?

Aber oftmals geht es bei der Politik nicht allein um Sachfragen sondern um schlichte Durchsetzung von Eigeninteressen. Mann muss ja fachliche Aspekte nicht verstehen, wenn man übergeordnete politische Interessen durchsetzten möchte. Das beste aktuelle Beispiel ist doch Solvency II selbst.

Vor ein paar Jahren haben sich, als die Diskussion zur Eigenkapitalunterlegung aufkam, ein paar Marktteilnehmer zusammengetan, um gegen die geplante hohe Eigenkapitalunterlegung von Anlageinvestments in Beteiligungskapital zu monieren, da nachweislich diese mit knapp 50 Prozent Eigenkapitalunterlegung deutlich zu hoch angesetzt werden sollte. Gespräche mit der Politik waren nicht erfolgreich, auch wenn man unsere Argumente verstand. Dennoch wurde unsere Forderung, diese auf gerechtfertigte und valide nachweisbare 30 Prozent zu reduzieren, auf europäischer Ebene bislang nicht unterstützt. Geholfen haben diese Bemühungen nicht. Höchstens insoweit, da über Solvency II, deren Inhalte und die Form der Umsetzung unverändert kräftig gestritten wird. Warum? Weil die Eigenkapitalunterlegungen einzelner Anlageklassen doch sehr politisch motiviert sind. Oder warum sollten die Staatsanleihen aller europäischen Länder ein gleiches Risiko beinhalten? Der Lackmustest steht aber doch gerade aus und ich bin gespannt, wie die er ausgeht.

Denn z.B. Beteiligungen in Infrastrukturprojekte sollen nach derzeitiger Lage deutlich risikoreicher sein, als italienische Staatsfonds, sagt Solvency II. Kann man das so einfach unterschreiben? Wohl kaum! Vielleicht mag das für das Entstehungsrisiko von Infrastrukturprojekten gelten, aber nicht für das Betreiben solcher Projekte oder Anlagen, schon gar nicht, wenn die Bezahlung nicht frequenzabhängig sondern praktisch mietähnlich generiert wird, unterstellt, der „Mieter“ hat eine gute Bonität. Jetzt ist die Politik aber in einem Dilemma: Als die Solvency-Vorgaben gemacht wurden, gab es für deutsche Politiker noch keine zu finanzierende Energiewende. Auf das Geld der Versicherungen muss es aber zu dessen Finanzierung aufgrund derzeitiger derzeit  angestrebter Solvency II-Spielregeln verzichten. Die Bundesregierung, die ja nach Wegen sucht, diese Energiewende zu finanzieren ist, wie ich im Handelsblatt vor ein paar Tagen lesen konnte, doch sehr daran interessiert, dass die Eigenkapitalunterlegung für Infrastrukturprojekte bei den Versicherungen weniger als die derzeit 30 bis 40 Prozent der Investitionssumme ausmachen soll. Was hat das bitte noch mit marktgerechter Risikoeinschätzung zu tun? Wieso hat sie sich geändert? Ich finde, dass man daraus doch ganz prima die Priorität der Eigeninteressen vor dem der Anlegerinteressen bzw. des Anlegerschutzes erkennen kann.

Was muss denn die Beteiligungsindustrie noch alles tun, damit die Politik versteht, dass sie einen wichtigen strukturpolitischen Auftrag in Deutschland erfüllt, da sie  Unternehmensnachfolgeregelungen des so wichtigen deutschen Mittelstands finanziert und begleitet? Müsste das aus strukturpolitischen Aspekten nicht auch zu Verlockungen führen, sodass die potentiellen Geldgeber, die Versicherungen, auf niedrigere Eigenkapitalunterlegungen hoffen dürfen? Kann man denn anstehende Erleichterungen nur auf Infrastruktur-Anlagen begrenzen? Ich gebe zu, dass die Umsetzung der Energiewende bereits heute notwendig ist und auch in einer überschaubaren Zeit mit klaren Ergebnissen sich messen lassen muss. Aber sollte nur aus diesem Aspekt heraus die bisherige Rendite und Risiko-Relationsbetrachtung bei Infrastruktur-Anlagen „über Bord geworfen werden“, oder war sie von vornherein von der Politik zu hoch angesetzt worden? Das riecht doch stark nach „Eigeninteresse der Bundesregierung“ mit Blick auf eine schnelle Erreichung ihrer energiepolitischen Ziele!

Insoweit haben es Politiker einfacher als Anlagemanager, die ohne detailliertes Fachwissen ihre (eigenen) politischen Interessen durchsetzen können. Ganz im Gegenteil! Die Anlagemanager dürfen nur mit Fachwissen aber ohne Eigeninteresse handeln, dafür sorgt die Politik; es sollte aber auch das Verständnis der Anlagemanager sein!! Und das möglichst in Verbindung mit einem eigenen finanziellen Engagement in die Anlageform, die sie managen!!!

6 Gedanken zu „Fähigkeitsnachweise und Eigeninteressen von (Eigen-) Kapitalanlage-Verantwortlichen und Politikern

  1. Von erfahrenen Politikern habe ich „hinter vorgehaltener Hand“ erfahren, dass die Qualität und Quantität derjenigen, die zu einem Engagement in der Politik (zunächst auf ehrenamtlicher Ebene) bereit sind, in den letzten Jahren deutlich abgenommen hat. Daher habe die Zahl der Profilneurosen und Selbstdarsteller deutlich zugenommen. Diese Aussagen passen zu den von Ihnen aufgeworfenen Fragen nach einem Befähigungsnachweis für Politiker. Es ist nur eben schwer, eine weitere Hürde aufzubauen, wenn die Nachfrage bereits gering ist (gilt nicht für die politischen Spitzenämter). Aber bei geringer Nachfrage ist es für Einzelne noch einfacher, in der Politik Karriere zu machen.

    Aber auch die Besetzung von Aufsichtsratsposten in DAX- bzw. Großkonzernen ist häufig mehr vom politischen Kalkül als von der Fachkompetenz geleitet. Hier unterscheiden sich mittelständische Unternehmen mit einem Aufsichts- bzw. Beirat wohltuend, da die Geselslchafter weniger politische Rücksichten nehmen müssen.

    Meine persönliche Auffassung zur Kapitalanlage ist die, dass die in der Zeitung angepriesenen Anlageformen zumeist ihren perspektivischen Reiz bereits verloren haben, d.h. wenn alle sich darauf stürzen, steigen die Preise, womit Zukunftspotentiale bereits eingepreist sind zu Lasten der Ertragsaussichten der Kapitalanlageform. Aus meiner Sicht muss sich ein jeder selbst Gedanken machen, wo er zukünftige gute Aussichten sieht, sowohl branchenbezogen als auch bezogen auf die Anlageregion. Wie immer im Leben wird man nicht nur die besten Anlagen zur richtigen Zeit zeichnen, sondern sein Ziel durch Diversifikation erreichen, also die richtige Mischung. Bezogen auf deutsche Unternehmen sind mittelständische Unternehmen in zukunftsträchtigen Nischen, am besten mit einem adäquaten Auslandsanteil grundsätzlich vielversprechen.

  2. Lieber Dirk,

    Deine Essays sind immer sehr lesenswert und pointiert. Freue mich weiteres von Dir zu lesen.
    Liebe Grüße
    Carsten

  3. genau das ist das Thema, das mich auch schon lange „auf die Palme“ bringt. Ein viel zu großes Heer völlig unbedarfter Politiker meint, uns mit absolut unsachlichen Argumenten bevormunden zu müssen. Dies geht an die Wurzeln unserer ursprünglich freiheitlich verfassten Grundordnung und wird noch böse Folgen haben. Nur wird das nicht thematisiert und in den öffentlichen Medien, die Meinungsmacher sind, abgewürgt.

  4. Ein wirklich interessanter Vergleich bei dem die Frage „Was befähigt […] Politiker für ihren Job?“ vielleicht zwangsläufig unbeantwortet bleiben muss. Möglicherweise ist es gerade die Fähigkeit, von Eigeninteresse geprägte Entscheidungen zu fällen und…

  5. Spannende Argumente und Sichtweisen. Leider wird m. E. die Diskussion etwas einseitig geführt, da a) wir in einem Wahljahr sind und b) leider auch viele Vertreter des „Kapitalmarktes“ zu sehr auf ihre eigenen Interessen, sprich eigener Geldbeutel, geachtet haben.
    Auch die Politik unterscheidet sich nach meiner Meinung nicht zu sehr von ‚wirtschaftlich handelnden Managern‘. Es kommt immer vor, dass das Pendel in gewissen Situationen zu Stark ausschlägt. Und in diesem Jahr will Mann/Frau ja wieder gewählt werden.

  6. Es stimmt schon das in den Reihen der Poltiker immer mehr das eigentliche Fachwissen fehlt. Dies ist allerdings meiner Meinung nach ein Problem das mit der zunehmenden komplexität der Politik zu tun hat. Es ist schon verwunderlich wenn man z.B als Industriekaufmann oder Buchhalter feststellen muß das man nicht ohne eigens dafür geschaffenen Kurs in der Lage ist den Haushaltsplan einer Gemeinde oder einer Stadt zu entschlüsseln. Ebenso ist es schon unglaublich wenn für den Ausbau eines Fahrradweges mitlerweile EU-Richtlinien zu beachten sind um mögliche Fördergelder aus EU-Mitteln zu erhalten.
    Ich denke das eine ähnlich Komplexität mittlerweile im Finanzsektor vorherrscht da auch hier internationale Normen und Regeln beachtet werden.
    Da in beiden Bereichen die Komplexität für einen alleine nicht mehr zu bewältigen ist stützen sich Führungspersonen beider Bereich auf ein Heer von Beratern. Beraten dies falsch oder zu ungenau führt es leicht in eine Katastrophe.
    Der „Otto-Normalverbraucher“ hat diese Heer von Beratern nicht. Da er somit nicht über ein entsprechendes Wissen verfügt setzt er bei seiner Entscheidung auf das was er kennt und das sind vornehmlich die Traditonellen Spar-und Anlegeformen

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