Ein Epilog zum Digitalisierungshype

Auch wenn man es anhand der Kommentare auf meinem Blog nicht erkennen kann, hat mein letzter Artikel zum Thema „Digitalisierungshype“ durch viele direkte E-Mail Antworten zu einer für mich erstaunlich großen Resonanz geführt. Insoweit möchte ich das Thema  noch einmal aufgreifen. Als Epilog!

Für viele ist das Thema Digitalisierung doch ein sehr emotionales Thema, sei es, weil sie als Eltern davon betroffen sind, sie davon am Arbeitsplatz beeinflusst sind oder es glauben zukünftig zu sein.

Oft ist zu hören, dass die Digitalisierung gerade unserer Jugend schadet und sogar für ihre Gesundheit schädlich ist. Okay., wer hat nicht das Bild vor Augen, das die eigenen Kinder immer nur mit ihren Smartphones spielen, statt sich einmal mit Freunden zu treffen oder zusammen mal besser zum Sport zu gehen. Bewegungsmangel kann man spätestens seit es „Pokémon Go“ gibt, der Smartphone-süchtigen Jugend allerdings nicht mehr vorwerfen. Aber die Bildung wird dadurch auch nicht verbessert, behaupten die Einen, da Computer im Klassenzimmer das Lernen und die Noten nicht besser werden lassen und die Schüler eher ablenken. Sollte dies dann gerade für die schwachen Schüler gelten, stellt sich die Frage, ob IT an Schulen wirklich mehr Chancengleichheit bringt oder dieser doch eher schadet? Aber es gibt ja noch die Gruppe der Studenten, Berufsanfänger und Weiterqualifizierer, die sich z.B. Universitäten oder Weiterbildungsstätten aus unterschiedlichsten Gründen heraus nicht leisten können und für die die personalisierte, dank Digitalisierung ortsunabhängige Bildung, eine riesen Chance darstellt. Damit wird Bildung für viele Menschen erst machbar. Ich halte das für ein sehr interessantes Geschäftsfeld.

Technologietrends – Berichterstattung in Deutschland: Digitalisierung. Quelle: pressrelations GmbH, Düsseldorf

Produktivitätssteigerung durch Digitalisierung?

Neben wichtigen Einzelaspekten der Digitalisierung gilt es bei diesem Thema natürlich auch die gesamtwirtschaftliche Brille aufzusetzen, d.h. was bringt es der Volkswirtschaft? Ähnlich wie im E-Mail- und Webpage-Hype der 90er Jahre schaut man auch heute danach, wie sich durch die Digitalisierung die Produktivität in der Volkswirtschaft erhöht. Jetzt verstehe ich auch die Unruhe, die nicht nur bei den Technikern, sondern auch bei den Makroökonomen besteht. Nach dem Webpage-Hype der 90er Jahre wartet man heute noch vergebens darauf, dass sich eine Produktionskennzahl verbessert. Dauert es einfach seine Zeit von 20 bis 30 Jahren bis sich neue Technologien auch in der Produktivität einer Volkswirtschaft, gemessen am realen Bruttoinlandsprodukt pro geleisteter Arbeitsstunde, niederschlagen? Oder, zugespitzt gefragt: führt die Digitalisierung überhaupt zur Produktivitätssteigerung?

Ich bin mir da nicht so sicher, welches Lager Recht haben wird. Schauen wir uns doch zum Thema Digitalisierung die letzte Evolutionsentwicklung an. Mit dem Zeitalter des Internets und der Webpages wurden Informationen auf jeden Fall deutlich transparenter, damit auch die Preise für Produkte und Dienstleistungen. Der Wettbewerb wurde internationaler und damit größer und auch das Kundenverhalten hat sich verändert. Mit der neuen Technik hat der Kunde nun die Wahl, über welchen Weg (Internet oder direkter physischer Kauf) er Dinge erwirbt. Kauft deswegen Jemand mehr Schuhe oder wird deswegen die Produktion effizienter? Die Absatzwege werden komplexer, aber deswegen wird auch nicht zwangsläufig mehr konsumiert.

Kostenlos-Kultur und volkswirtschaftliche Gesamtrechnung

Aber wie wollen wir denn die vielen anscheinend kostenlosen und in den letzten Jahren groß gewordenen Onlinedienstleister, wie z.B. Google, bewerten, die für die Volkswirtschaft einen hohen Nutzen bringen? Vielleicht kann man das Warten der Ökonomen auf eine Produktivitätssteigerung auch abkürzen, in dem man Ihnen zuruft, dass es vielleicht mit der Digitalisierung neuer Techniken anderer Bewertungsgrößen bedarf, als das Produktivitätsmaß einer Volkswirtschaft! Oder schauen wir „zu grob“ und übersehen, dass die Produktivität vieler Unternehmen durch die Digitalisierung real gestiegen ist, diese aber durch die einzubeziehende volkswirtschaftliche Grundgesamtheit einfach untergehen? Bei so manchen Berufsständen bin ich mir nicht so sicher, ob die aufkommende Digitalisierung einen positiven volkswirtschaftlichen Produktionseffekt hat, aber spannend ist zu sehen, wie sich Prozessabläufe und Branchenmodelle komplett verändern. So wollen z.B. die Insolvenzverwalter, die lt. eigenen Angaben in der Kommunikations-Schnittstelle mit der Justiz immer noch wie zu Zeiten der Konkursordnung von 1877 arbeiten, die Digitalisierung voranbringen. Der rechtliche Rahmen für die elektronische Aktenführung wurde 2013 geschaffen, jetzt muss er nur noch mit Leben gefüllt werden. Steigert das die Produktivität einer Volkswirtschaft?

Schauen wir uns doch einmal den Digitalisierungs-Effekt in der Versicherungswirtschaft an, insbesondere auf die Vertriebsseite. Auch dieser muss sich dem veränderten Kundenverhalten anpassen. Für den Abschluss einer Versicherung ist meistens ein Makler oder Vermittler dazwischengeschaltet, dessen Abschlussprovision im Endpreis mit einkalkuliert ist. Diese Abschlussprovisionen locken auch andere Spieler, wie Vergleichsportale, Online-Makler oder Finanzportale, auf den Markt, die für die Herstellung des Kontaktes zwischen Versicherung und Kunden die Provision vereinnahmen. Selbst wenn dies zu einem flächendeckenden Direktvertrieb führen würde, was nicht zu befürchten ist, hätte es keine Auswirkung auf die volkswirtschaftliche Produktionsrechnung. Oder?

Digitalisierung in der Medizintechnik

Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf die für uns alle so wichtige Medizintechnik. Hier steht die Digitalisierung noch in den Anfängen, weshalb man nicht umsonst vom „Gesundheitswesen 1.0“ spricht. Engpass war bislang nicht allein die Technik, sondern der Datenschutz, wenn man sich einmal die drei Säulen der Digitalisierung (Vernetzung, Telemedizin, Entwicklung neuer Therapiemöglichkeiten) anschaut. Aber auch hier gibt es seit Anfang des Jahres mit dem „Gesetz zur sicheren digitalen Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen“ die Chance, dem Patienten z.B. mittels der dabei im Fokus stehenden elektronischen Gesundheitskarte schneller und zielgerichteter zu helfen. Diese Maßnahmen sorgen zwar für eine bessere Patientenversorgung und können die Lebensqualität der Bevölkerung deutlich verbessern, aber auf die volkswirtschaftliche Produktionsrechnung hat das direkt keinen Einfluss.

Ich kann den Hype hinsichtlich der Digitalisierung schon verstehen, wenn man sich einmal umschaut, welche Prozessveränderungen und auch Chancen dies für uns mitbringen kann und das nicht nur auf der technischen Seite. Möchte man den volkswirtschaftlichen Nutzen daraus messen, bedeutet es wohl aber auch den Einsatz neuer Instrumente, da die aus der analogen Welt stammenden Statistiken dafür nicht geeignet sind. Das mag für Makroökonomen beunruhigend wirken, bietet aber auch ihnen ganz neue Perspektiven.

Weitere Informationen:

2 Gedanken zu „Ein Epilog zum Digitalisierungshype

  1. Ein guter Überblick über die Lage und die noch zu erledigenden Aufgaben!
    Ich werden einen Vortrag des deutschen Botschafters in Tallinn/Estland für das deutsche Publikum vermitteln zum Thema: Estland – das am best digitalisierte <Land Europas.
    Viele Grüße!
    FLS

  2. Unsere Jugend ist an Digitalisierung gewöhnt, wahrscheinlich kämen die jungen Leute ohne sie gar nicht mehr aus. Was aber kein Nachteil ist, da gut ausgebildete Jugendliche sehr wohl zwischen Nutzen und Abhängigkeit unterscheiden können. Auswüchse gibt es immer, in vielen Fällen sind diese aber zeitlich begrenzt. So wird der Pokemon go Hype wieder verschwinden, die Möglichkeiten von Smartphones jedoch nicht.
    Produktivitätssteigerungen durch Digitalisierung sind sehr wohl zu beobachten. Die schnelle Verfügbarkeit von Prozessdaten, von Informationen, von Experten, von Ersatzteilen etc. tragen entscheidend zu erhöhter Effizienz bei.
    Ob durch Digitalisierung höhere Umsätze generiert werden können, lässt sich wahrscheinlich nicht eindeutig statistisch beweisen. Auf jeden Fall haben viele Menschen weltweit dadurch Zugang zu Produkten, die sie vorher entweder gar nicht kannten oder die sie nicht ohne große Mühe erwerben konnten.

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