Der neue Neue Markt – ein Märchen oder eine notwendiges neues Börsensegment?

Wiederholt sich die Geschichte und der Wahnsinn kehrt zurück?

Alle sind zufrieden, es gibt nur Gewinner: Die Zeichner eines Börsengangs, auf Neudeutsch auch „IPO“ oder „Initial Public Offering“ genannt, fühlen sich schon als Lottogewinner, wenn sie zu dem Kreis derer gehören, die bei der Neuemission neue Aktien, um die sie sich beworben hatten, auch zugeteilt bekommen. Als Lottogewinner deshalb, weil bei einer Aktienemission dabei zu sein, der sichere Gewinn ist, da die Börse und damit auch die Neuemissionen von der Aktienkursseite her nur eine Richtung kennen: Steigende Kurse. Eigentlich ist es ja damit auch gleichgültig bei welcher Neuemission man neue Aktien zeichnet, Hauptsache, man ist mit dabei.

Auch für die Berater solcher Emissionen ist es ein attraktives Geschäft. Und da der Aktienmarkt unkritisch genug ist und auch alle Neuemissionen aufnimmt, fällt es ihm bei der Auswahl von Börsenkandidaten leicht. Auch für ihn ist es leicht verdientes Geld. Risiken gibt es für ihn nur, wenn er seine Emission nicht platzieren sollte, da das auch seine Reputation bei weiteren interessierten Börsenkandidaten verschlechtert. Herrlich, er selbst übernimmt in seine Bücher keine eigenen Aktien, weshalb er nur daran interessiert ist, möglichst viele und große Unternehmen an den Markt zu bringen.

Auch für den Unternehmer ist es eine tolle Sache, an die Börse zu gehen. Es hilft ja nicht nur dem Ansehen des Unternehmens sondern auch des Unternehmers. Zudem hat er ja auch die Möglichkeit, mit einem Börsengang einen Teil seiner eigenen Aktien zu platzieren und damit einen Teil seines geschaffenen Unternehmenswertes zu realisieren.

Auch zwischen Unternehmer und Berater diskutierte Bewertungs-Methoden führen bei der Börseneinführung von Projekten und Ideen zu einer neuen Kreativität, wenn (fehlender) Umsatz und (negativer) Ertrag als Bewertungsparameter nicht zur Verfügung stehen. Man bewertet zum Beispiel einfach die Anzahl der Klicks auf deren Webpage. Genial kreativ. Aber nicht logisch. Wie Sie merken ist dieses Märchen leider harte Realität, wobei ich den zweiten Teil weglassen werde. Den Teil der Geschichte, der dazu führte, dass Aktienkurse keine Einbahnstraße sind und die Unternehmer börsennotierter Unternehmen immer stärker dazu gedrängt wurden, zu wachsen, und, wie sie im Nachhinein merkten, der Börsengang für sie nicht die Ziel- sondern die Startlinie war.

Zwar wurde mit der Geschichte des Neuen Marktes kurzfristig eine neue Aktienkultur geschaffen, die erstaunlich war, aber leider durch das nicht korrekte Verhalten einzelner Teilnehmer und auch durch eine falsche Erwartungshaltung korrigiert wurde und nur von kurzer Dauer war.

Diese leider wahre Geschichte wird die Politik wohl nicht vor Augen gehabt haben, als sie unlängst ein Wiederbeleben des Neuen Marktes in der Öffentlichkeit als absolut notwendig  anführte, um dadurch die Innovationsfreudigkeit zu stärken.

Brauchen wir einen Neuen Markt um Vertrauen für Beteiligungssysteme aufzubauen?

Dass die Politik die Rahmenbedingungen für Innovationen zur Stabilisierung der Wirtschaftsstandorte fordert, ist absolut nachvollziehbar. Aus meiner Sicht kann es auch als ihre Pflicht im Rahmen ihrer strategischen Industriepolitik verstanden werden. Auch mit dem Ziel, zukünftig industriell international wettbewerbsfähige Branchen aufzubauen bzw. zu fördern.

Aber welche Technologieinnovationen sind für einen als neu geltenden Markt denn sinnvoll, welche Reifegrade sollten solche Unternehmen haben? Nachweisbarer Umsatz und damit Marktfähigkeit und Ertrag eines Unternehmens müssten schon gegeben sein.

Zwar ist der Gedanke, auch ganz jungen Technologieunternehmen über eine Börseneinführung den Kapitalzugang zu ermöglichen, eine gute Idee. Aber dem potentiellen Anleger muss etwas über seinen eigentlich zu erwartenden Langmut kommuniziert werden. Gut zu sehen ist genau dieser Punkt bei Venture Capital Fonds unterstützten Unternehmensgründungen und Frühphaseninanzierungen. Der Erfolg ist immer erst am Ende des Tunnels zu sehen und der kann bei Frühphasenfinanzierungen sehr sehr lange sein, sofern er überhaupt eintritt.

Die Aktienkultur ist heute natürlich deutlich weiter als vor 13 Jahren. Keine Frage, aber die tägliche durch die Börse durchgeführte Bewertung ist auf einer solchen langen Wegstrecke müßig, und damit sowohl für den unter Druck stehenden Entwickler als auch für den Privatanleger letztlich ungeeignet. Für Institutionelle Anleger, die zwar die Zeit haben solche Entwicklungen mitzufinanzieren, ist die Marktkapitalisierung solcher junger Unternehmen aber zu klein und damit das Anlagesegment zu unattraktiv, ganz unabhängig davon, dass zum Beispiel die Aktienquote der Versicherungen eher rückläufig ist.

Sollte man wirklich Unternehmensgründungen in einem neuen Markt etablieren wollen, muss man ganz unabhängig davon, ob man wirklich einen negativ belegten Namen „Neuer Markt“ wieder verwendet, sehen, dass gerade mit Unternehmensgründungen und direkt nachgeschalteten Börsengängen am Neuen Markt schlechte Erfahrung gemacht wurden. Welcher Konsument würde auch im täglichen Leben wieder Produkte kaufen, die ihm in schlechter Erinnerung sind? Wer würde diese jemals vergessen?

Demzufolge wird die Politik mit ihrem Ruf nach einem neuen Neuen Markt die weitere und deutlich kapitalintensivere Phase von etablierten Technologieunternehmen gemeint haben. Oder ist es doch einfach nur die Erkenntnis, dass nicht genügend Unternehmensgründungen zum Beispiel in Deutschland im Technologiesektor stattfinden?

Start-up-Industrie als Wachstumstreiber

Bei den Bewertungen von Unternehmen wird heute im Vergleich zu damals um ein Vielfaches genauer und elaborierter hingeschaut als zu Zeiten des „alten“ Neuen Marktes. Die Börse ist eine regulierende Größe. Wer von den Anlegern dort Geld möchte, der unterzieht sich einem umfangreichen Massnahmenpaket zur Bewertung seines Unternehmens.

Ob und wie viele Unternehmen davon profitieren könnten, bleibt abzuwarten. Aber ein neues Instrument zu schaffen, dass dieser Industrie, die in der Tat ein Wachstumstreiber ist, mehr Kapitalzufluss zu bescheren, ist nicht ganz falsch.

Man könnte diesen Aspekt auch aus einem anderen Winkel heraus betrachten und fragen, gibt es denn für ein solches Börsensegment genügend Potential? Oder müssen nicht erst zuvor genügend junge Technologieunternehmen und spätere Börsenkandidaten „herangezogen“ werden? Das würde bedeuten, dass man an der Unternehmensentwicklung viel früher ansetzen muss, nämlich an den Rahmenparametern der Gründungskultur.

In diesem Kontext hört man viele Gründer sich immer wieder darüber beschweren, dass die Beantragung von „Start-Up Kapital“ sehr kompliziert sei und auch die Auflagen nicht den Praxistest bestehen würden. Aber das ist aus meiner Sicht nicht so schlimm, da sich für die erste Gründungsphase ja mittlerweile auch viele private Kapitalgeber finden, was im Vergleich zu früheren Zeiten deutlich positiv zu bewerten ist. Aber reicht das aus oder müssen noch mehr Mittel leichter zugänglich bereitgestellt werden?

Zudem ist das Netz an erfahrenen Unternehmern, die solche Phasen beratend unterstützen, deutlich gewachsen. Zusätzlich will man ja zukünftig auch so früh wie möglich diese innovativen Köpfe gewinnen, in dem man ihnen schon in Schulen und Universitäten verstärkt Technik und Unternehmertum eigens mit Fächern und Studiengängen schmackhaft machen will.
Interessant ist in diesen Kontext auch die Untersuchung von Ernst & Young in ihrem „Entrepreneurship Barometer“, in dem Unternehmer der G20 Staaten befragt wurden.

Ernst & Young: Entrepreneurship Barometer 2012

Hervorzuheben ist an dieser Stelle vielleicht auch noch der Aspekt, dass über 70 % der Befragten, davon überzeugt sind, dass Studenten eine spezielle Ausbildung benötigen, um (erfolgreicher) Unternehmer zu werden.

Damit lässt es sich doch auf einen ganz einfachen Nenner bringen: Ohne eine gute Unternehmer-Kultur, die von Staat und  Gesellschaft unterstützt und schon in Schulen und Universitäten gefördert wird, benötigt man zukünftig wohl nicht so schnell einen von der Politik geforderten neuen Neuen Markt.

Quelle Grafik: Ernst & Young: The Nice Côte d’Azur 2011 Entrepreneurship Barometer, October 2011