Mittelstandsunternehmer sehen ihre künftige Profitabilität durch die Energiewende gefährdet

Die deutschsprachigen Länder sind bislang aufgrund ihrer langen auf der Industrie basierenden Wertschöpfungsketten im europäischen Vergleich recht gut durch die Finanz- und Wirtschaftskrise gekommen. Doch auch in Zukunft muss der Standort für Unternehmen aller Wertschöpfungsstufen attraktiv bleiben und Möglichkeiten zur Entwicklung bieten. Denn eines ist klar: Unternehmen können sich nur im Wettbewerb behaupten, wenn sie ihre Produkte und Dienstleistungen zu konkurrenzfähigen Preisen und Qualitäten auf dem heimischen sowie globalen Markt anbieten können.

Voraussetzung dafür ist eine sichere Energieversorgung zu wettbewerbsfähigen Preisen. Bezogen auf die Energiewende heißt das: Sie darf nicht dazu führen, dass die Belastungen für Unternehmen höher sind als die Möglichkeiten zur wirtschaftlichen Entwicklung, die die Energiewende ebenso bietet. Es gilt also, Risiken des „Generationenprojektes“ zu mindern und unter dem Strich einen Gewinn für den Standort zu machen.

Wettbewerbsfähigkeit und Energiewende
Die Skepsis bleibt: Weiterhin mehr Risiken als Chancen im Wettbewerb

Zu den möglichen Chancen zählen insbesondere Innovationen und technologische Entwicklungen bei der Erzeugung, der intelligenten Verteilung und beim sparsamen Einsatz von Energie sowie die Erschließung neuer Geschäftsfelder. Zu einer höheren Wertschöpfung in Deutschland durch eine eigene Energieerzeugung kommen perspektivisch die geringere Abhängigkeit von endlichen Energierohstoffen und eine Entlastung von Klima und Umwelt hinzu. Die politischen Rahmenbedingungen sind von der großen Koalition (GROKO) zu schaffen. Und so hat man sich kürzlich auf höchster Ebene zusammengesetzt, um sich dieser entscheidenden Aufgabe zu stellen. Auf der Agenda: Die EEG-Novelle. Doch so richtig überzeugt haben die Ergebnisse der großen EEG-Gipfelrunde im Kanzleramt wohl nicht viele.

Das Treffen von Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel und den Ministerpräsidenten der sechzehn Bundesländer wurde von vielen Akteuren und Unternehmern von der europäischen bis hin zur kommunalen Ebene kritisch beobachtet. Denn die Erwartungen an das Treffen waren hoch und die Auswirkungen entscheidend. Für die Bürger ebenso wie für den Mittelstand. Seit Dienstag dieser Woche liegt hierzu nun ein Kabinettsbeschluss der Regierung vor. Glaubt man den in den Medien zitierten Meinungsbildnern aus allen Lagern, fehlt es an den richtigen Entscheidungen – und den entsprechenden Antworten auf unternehmensrelevante Fragen wie z.B.:

  • Wie sehen die langfristigen politischen Strategien zur Steigerung der Energieeffizienz aus?
  • Welche Rolle kommt der Industrie und den mittelständischen Unternehmen bei der Senkung des Energieverbrauchs zu?
  • Wie sehen die Strategien zur Senkung des Energiebedarfs in Unternehmen aus?
  • Wie wirtschaftlich sind Energieeffizienzmaßnahmen wirklich?
  • Gibt es für Unternehmen ausreichend Unterstützungsmaßnahmen, wie bspw. Förderprogramme zur Umsetzung von Energieeffizienzmaßnahmen?

Der Ruf nach Planungs- und Rechtssicherheit ist laut und für Unternehmen in Deutschland unerlässlich. Die Politik, insbesondere der Wirtschafts- und Energieminister, ist nun weiterhin aufgerufen, die Energiewende als das vielfach postulierte „Generationenprojekt“ als Gemeinschaftswerk umzusetzen. Keine einfache Aufgabe. So wollen u.a. die sächsische Staatsregierung – zusammen mit der bayerischen allen voran – die beschlossenen Neuerungen topedieren. Die auf Bundesebene erreichten Fortschritte im Rahmen der EEG-Novelle werden von ihnen als ungenügend angesehen. Wird die Energiewende auf Bundes- wie auf Landesebene nun komplett ausgebremst? Und ist wirklich alles so schlecht, wie es dargestellt wird? Dazu habe ich mir in diesem Monat meine Gedanken gemacht.

Von den Ausnahmen zur EEG-Umlage profitieren nur wenige Mittelständler. Die Stromintensität ihrer Betriebe ist zu gering, die Einbindung in den internationalen Wettbewerb fehlt.

Nachteile im Wettbewerb und zusätzliche Belastung bei den Stromkosten

Die Regelungen rund um die EEG-Umlage sorgen für spürbaren Ärger unter Mittelständlern. Wie auch private Haushalte oder öffentliche Einrichtungen müssen viele von ihnen zusätzlich entstehende Kosten durch den verstärkten Einsatz erneuerbarer Energien decken. Und das schlägt zu Buche. Ausgenommen sind stromintensive und international agierende Unternehmen. Sie können sich für die von ihnen verbrauchte Strommenge beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) befreien lassen. Geregelt ist dies durch die sogenannte besondere Ausgleichsregelung (§40ff. EEG). Diese soll die Wettbewerbsfähigkeit der Firmen sichern und eine Produktionsauslagerung ins Ausland verhindern – denn ein solcher Wegzug würde die EEG-Umlage für die verbleibenden Unternehmen weiter in die Höhe treiben.

2.098 Unternehmen von der EEG-Umlage befreit

Die erste Zahl, die es aus der Sicht des Mittelstands interessant ist, ist die Zahl der von der EEG-Umlage  befreiten Unternehmen. Es sind in diesem Jahr 2.098! Im Jahr 2013 waren es mit 1.720 noch 378 Betriebe weniger. Von den befreiten Unternehmen kommen rund 97 Prozent, also 2.026 Betriebe, aus dem produzierenden Gewerbe. Die sogenannte privilegierte Strommenge beträgt stolze 107.101 Gigawattstunden (GWh). Dies entspricht einer Entlastung von geschätzt 5,1 Milliarden Euro für diese Betriebe. Zwar stellten Mittelständler (bis 1.000 Mitarbeiter) 2.291 der antragstellenden Unternehmen für 2014. Im Verhältnis zu einer Gesamtzahl von 3,7 Millionen KMUs in Deutschland ist dieser Anteil jedoch gering.

Unternehmen aus der Energie-hungrigen Chemie-, Papier- und Metallindustrie machen dabei den größten Block der befreiten Unternehmen aus. Sie stemmen 27.614 GWh, 12.752 GWh und 10.308 GWh der insgesamt 107.101 GwH privilegierten Strommenge. Im Vergleich der Bundesländer hebt sich mit einem Anteil von 33.543 GWh Nordrhein-Westfalen (NRW) deutlich vor den übrigen Bundesländern ab. Das Land stellt mit Bayern und Niedersachsen ein Drittel der befreiten Strommenge (Bayern: 13.049 GWh, Niedersachsen 11.180 GWh).

Welche Ausgleichsregeln gelten laut Paragraph 40 des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG)?

Von der EEG-Umlage befreit sind Unternehmen, deren jährlicher Stromverbrauch über einer Gigawattstunde liegt und deren Stromkosten 14 Prozent der Bruttowertschöpfung des Unternehmens ausmachen. Laut EEG sind sie damit stromintensiv. Die Strommenge alleine ist jedoch nicht entscheidend, das Unternehmen muss weiterhin in den internationalen Wettbewerb eingebunden sein. Aufgrund fehlender Definitionsgrundlagen nimmt das BAFA dies für das produzierende Gewerbe sowie den Bergbau grundsätzlich an. Die Ausgleichsregelung des EEG besteht seit 2003 und wurde bereits mehrfach überarbeitet. Der Kreis der Antragsteller, die Bemessungsmethodik für eine mögliche Befreiung und die entsprechend festgelegten Schwellenwerte wurden dabei laufend angepasst.

Derzeit ermittelt die EU-Kommission, ob die deutschen Regelungen gegen die EU-Beihilfevorschriften verstoßen. Die Einleitung des Verfahrens erfolgte am 18 Dezember 2013.

(Quelle: Schätzung des Instituts für Mittelstandsforschung Bonn, 2013)

Warum fühlen sich Mittelständler benachteiligt?

Nur die wenigsten mittelständischen Betriebe können von der Ausgleichsregelung profitieren. Meist fallen sie durch das gesetzlich festgelegte Befreiungsraster. Mit weitreichenden Konsequenzen. Denn die Energiekosten sind in den meisten mittelständischen Unternehmen mittlerweile nach den Personalkosten zum zweitgrößten Kostenblock geworden. Für einen mittleren Betrieb mit einem Stromverbrauch von rund 250.000 Kilowattstunden (kWh) im Jahr bedeute eine Erhöhung der EEG-Umlage auf etwa 6,3 Cent eine Erhöhung der Stromrechnung von rund € 2.560 im Jahr.
Zum 1. Januar 2014 war die EEG-Umlage von zuvor um rund 5,3 Prozent auf 6,24 Cent gestiegen.

Ist die Energiewende ist im Mittelstand angekommen?

Wie aus unterschiedlichen repräsentativen Studien zu entnehmen ist, sind die Kleinen und Mittleren Unternehmen in Deutschland (KMU) bereits auf dem richtigen Weg zu mehr Energieeffizienz. Das KfW-Mittelstandspanel 2013 zeigt beispielsweise auf, dass jeder dritte Mittelständler – und damit mehr als 1,2 Millionen Unternehmen – von 2011 bis 2013 Maßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz oder zur Einsparung von Energiekosten ergriffen. Energiekosteneinsparungen sind dabei die treibende Kraft für die Durchführung von Effizienzmaßnahmen. Bei fast jedem zweiten KMU liegen die Energiekostenanateile an den Gesamtkosten höher als 5%, bei jedem fünften KMU mindestens bei 10%.

Die sparsame und effiziente Energienutzung hilft, die unter Druck stehende internationale Wettbewerbsfähigkeit des Mittelstands zu sichern

Zur Optimierung von Energiekosten und Energieeffizienz setzen die Mittelständler dabei am häufigsten auf den Wechsel des Energieversorgers oder die Veränderung von bestehenden Lieferverträgen. Das ist naheliegend und relativ schnell zu machen. Die verstärkte Nutzung von bzw. Umstellung auf erneuerbare Energien steht ebenso im Vordergrund. Dabei investieren größere Unternehmen häufig in energieeffiziente Produktionsanlagen und Geräte. Für sie ist auch die verbesserte Energieeffizienz von Gebäuden ein wichtiges Investitionsziel. Energieberatungen werden zudem fast viermal häufiger in Anspruch genommen (41%) als von kleinen Unternehmen (11%).

So könnte man zum Schluss kommen, dass der Mittelstand somit seinen Beitrag zur Erreichung energie- und klimapolitischer Ziele leistet. Dennoch besteht nach allgemeiner Auffassung noch „Luft nach oben“. Und das sehe ich auch so. Denn immerhin zwei Millionen KMU und somit die Mehrheit der mittelständischen Unternehmen haben in den letzten drei Jahren auf Maßnahmen verzichtet. Es sind hier vor allem die kleinen Mittelständler, die bislang keine Energieeffizienzmaßnahmen umgesetzt haben. Hier liegt noch ungenutztes Potenzial und ein unerlässlicher Handlungsauftrag.

Für die kontinuierliche Erschließung der verbleibenden Effizienzpotenziale wünschen sich die Unternehmen von der Wirtschaftspolitik mehr Unterstützung, so sagen es die in den Studien zitierten Experten. Vor allem ein eindeutiger und verlässlicher Rechtsrahmen wird als notwendig erachtet. Insbesondere KMU mit relativ hohen Energiekosten fordern rasch Klarheit in der Energiewende. Zwei Drittel der Unternehmen wünschen sich zudem mehr finanzielle Unterstützung; bei Finanzierungshilfen in Form von Förderkrediten und Zuschüssen sowie im Hinblick auf Steueranreize für den Einsatz energieeffizienter Technik. Ferner erhofft sich knapp die Hälfte der Mittelständler (44%) weitere Informations- und Beratungsleistungen – dies gilt insbesondere für Unternehmen mit eher geringen Energiekosten.

(Quelle: Für die Studie des Forums Baden-Württemberg im Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU) wurden im April/Mai 2013 über 600 Mittelständler, Energieversorgungsunternehmen sowie Zulieferer in Baden-Württemberg zu ihren Einschätzungen, Strategien und gewählten Handlungsoptionen im Zusammenhang mit der Energiewende befragt. In die Auswertung sind die Antworten und Einschätzungen von rund 100 Entscheidern in Unternehmen mit insgesamt mehr als 215.000 Beschäftigten eingeflossen.)

Industrie unter Druck – Gegenmaßnahmen weitgehend ausgeschöpft

Mehr als die Hälfte aller Industriebetriebe verbindet laut einer Umfrage des „Energie-Barometer“ mit der Energiewende einen Rückgang der eigenen Wettbewerbsfähigkeit. Positiv wirkt sich die Energiewende bei nur rund zwölf Prozent aus. Die Industriebetriebe haben zahlreiche Maßnahmen ergriffen, um den steigenden Energiekosten zu begegnen: Effizienzinvestitionen, Aufbau eigener Versorgung und Lieferantenwechsel stehen ganz oben auf der Agenda. Das Potenzial dieser Maßnahmen ist aber in vielen Fällen ausgeschöpft.

Jeder vierte Industriebetrieb befasst sich mit der Möglichkeit von Produktionsverlagerungen ins Ausland. Drei Prozent haben bereits Verlagerungen vorgenommen, acht Prozent sind in der Umsetzung und 14 Prozent planen dies. Noch höher ist die Bereitschaft zu Verlagerungen unter besonders energieintensiven Industriebetrieben. Es zeigt sich: Die Attraktivität des Industriestandorts Deutschland leidet.

Mit Energieeffizienz und Eigenerzeugung Risiken minimieren

Immer mehr Unternehmen machen sich über einen strategischen Energiebezug und einen besseren Energieeinsatz im Betrieb Gedanken. Maßnahme Nr. 1 ist dabei die Steigerung der Energieeffizienz. Zudem setzt eine steigende Zahl der Unternehmen auf energieeffiziente (Vor-) Produkte und Dienstleistungen. Unvermindert weiter geht auch der Trend zur Eigenerzeugung: 16 Prozent der Unternehmen decken laut einer Statistik einen Teil ihres Strombedarfs bereits aus eigener Erzeugung. Der Anteil der Unternehmen mit laufenden und geplanten Maßnahmen bleibt mit 23 Prozent hoch. Steigende Chancen ergeben sich für neue Formen der Vermarktung von Erneuerbarer Energien. Mehr als ein Drittel der Unternehmen setzt bereits auf den Bezug von grünem Strom oder plant dies.

Die Wirtschaft fordert: Versorgung sichern, Kosten senken, Koordination verbessern

Der Netzausbau bleibt zentrales Thema. 78 Prozent der Unternehmen sehen die Politik in der Pflicht, dadurch die Versorgungssicherheit in einem auf Erneuerbaren Energien beruhendem System langfristig sicherzustellen. Dafür notwendig ist u.a. die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren. Die staatlichen Belastungen der Strompreise sind für Unternehmen und private Haushalte seit der Liberalisierung 1998 von etwa zwei auf über 30 Mrd. Euro gestiegen.

Daher fordern rund zwei Drittel der Unternehmen, dass die Abstimmung der politischen Ziele und Maßnahmen innerhalb der Bundesregierung aber auch zwischen den Bundesländern sowie zwischen Bund und Ländern verbessert werden muss.

Wie lautet nun das Fazit?

In einen Satz lässt es sich meines Erachtens nicht sagen. Vielleicht aber so: Mit zu vielen Kompromissen, guten Worten oder beeindruckenden Zahlen aus Statistiken, die beweisen sollen, dass alles auf dem richtigen Weg ist, lässt sich das für die deutsche Wirtschaft zukunftsentscheide Thema nicht lösen. Und: es reicht nicht aus, sich immer nur zu beklagen. Jeder ist in der Pflicht seinen Wertbeitrag zum Thema Energieeffizienz zu leisten – ohne Wenn und Aber.

Nur so kann der Standort Deutschland für Unternehmen aller Wertschöpfungsstufen attraktiv bleiben und Möglichkeiten zur Entwicklung bieten.

Also liebe Politik: Ärmel hochkrempeln und los! Da kann man vom Mittelständler viel lernen. Nicht das der Mittelstand, dem Buchtitel Harpe Kerkeling folgend, sagt: Ich bin dann mal eben weg.

Ein Gedanke zu „Mittelstandsunternehmer sehen ihre künftige Profitabilität durch die Energiewende gefährdet

  1. Lieber Dirk,

    Energiepolitk und insbesondere der Ensatz von alternativen Energien, wie Windkraft, Solar oder auch (Bio-)Gas zum Betrieb von dezentralen Kraftwerken (Blockheizkraftwerke / Kraft-Wäreme-Kopplung), sollten bei der Konzeption von Energie effizienten Maßnahmen bei den energieintensiven Mittelstandsunternehmen nicht außer acht gelassen werden. Hier gibt es beeindruckende Lösungen (ebenfalls von mittelständischen Unternehmen hergestellt), mit denen man Energiekosten einsparen kann, einen Betrag zum Umweltschutz leistet und sich ein Stück weit unabhängig machen kann.

    Gruß Niko

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